Das Jahr klang düster aus; man sah Friedhöfe, Särge und Kirchen; Totenmessen wurden gesungen; auf Avenuen und in Parlamenten herrschte der funebre Pomp. Illustre Trauergesellschaften stellten sich ein, immer die gleichen Gesichter, Schärpen und Schleier wehten am Grab, feierliche Epitaphien priesen die Autorität und Weisheit der Toten: Ins Präteritum versetzt, sahen sich die Verstorbenen über Nacht von allem Makel befreit; niemand wagte von Scheitern, Resignation und Begrenzung zu sprechen. Das Lob war stereotyp; der Glanz der klassischen Rhetorik, die der ermordete Präsident so vollkommen beherrschte, leuchtete nur spärlich auf.

Am Bildschirm erschienen biedere Redner; das Zeremoniell hatte, am Maßstab der päpstlichen Konzilsansprache gemessen, etwas Bürgerlich-Provinzielles. Es fehlten die dialektische Umkehr und das Eingeständnis eigener Ohnmacht: „Dieser Mann hatte auch andere Seiten“ und „Wer bin denn ich?“ Erst die Beschwörung des Zweifeins, ja, des Versagens, hätte den Hymnen dokumentarische Echtheit gegeben; erst durch den Tenor des „mea res agitur“ wäre in den Zuschauern die Vorstellung vom eigenen Sterben und nötiger Rechenschaft lebendig geworden.

So blieb es bei kalten, freundlich-unbetroffenen Vergleichen: Bei A war’s feierlicher, B spricht zu lang, C denkt offensichtlich an andere Dinge. Und dennoch tat das Fernsehen gut daran, die Trauerakte mit nobler Ausführlichkeit zu übertragen – zu Ehren der Toten, auf die so viele hofften, von denen.so viele enttäuscht wurden, in denen sich so viele erkannten.

Danach, und auch das schien richtig und schön, waren Sport und Klamotte wieder am Zug: vom Friedhof in die Arena, wie es das Leben so bringt. Ein schriller Mißklang blieb freilich nicht aus: Ein gewitzter Programm-Überwacher hatte den „Fall Farley“ aus der Reihe „Die Verfolger“ wahrscheinlich deshalb durch den „77-Sunset-Boulevard“-Reißer „Wem galt die Kugel?“ ersetzt, weil der Kookie-Streifen mit einer trauten Weihnachtsszenerie beginnt. Wie schade nur, daß jener Programmierer (wenn es ihn gibt) den Film nicht ganz zu Ende sah: Dann nämlich (so wollen wir hoffen) hätte er vielleicht doch davon Abstand genommen, ausgerechnet jetzt einen Thriller zu zeigen, der das Entsetzen in eine Farce verwandelt. Ein Weihnachtsmann fährt winkend im offenen Wagen durch ein jubelndes Menschenspalier und fällt tödlich verwundet vornüber; ein Filmstar glaubt seinen Wagen, bei einer Parade, von Kugeln getroffen; der Fahrer hat Vollgas zu geben, die Frau fährt auf dem Polster schreiend zusammen, der Wagen saust mit rasender Geschwindigkeit davon ... nur das alles wenige Wochen nach der Schreckensstunde von Dallas, das alles, Geschäft mit dem Tod und Killer-Vergnügen, als eine Art von Texas-Epilog. Nein, das mußte nicht sein.

Oder wollte man zeigen, in welchem Klima Morde gedeihen? Enthielt der Reißer „Wem galt die Kugel“ eine verschlüsselte Moralität? Ich fürchte, nein. Es war wohl nur Gedankenlosigkeit im Spiel. Doch das ist schlimm genug. Momos