Neuroleptica setzen eine biologische Grundregel außer Kraft

Von Hoimar von Ditfurth

Berthold Schwarz, jener mittelalterliche Mönch, der Gold machen wollte und dabei das Schießpulver erfand, befindet sich noch heute in der allerbesten Gesellschaft. In verständlicher menschlicher Eitelkeit neigen wir dazu, die moderne wissenschaftliche Forschung für so erstaunlich zu halten, wie die Tatbestände, die sie entdeckt. Dabei sind aber auch heute noch gerade die wichtigsten naturwissenschaftlichen Entdeckungen nur selten das Ergebnis planmäßiger Deduktion. Wie könnte das auch anders der Fall sein, da man immer dann, wenn man von bekannten Voraussetzungen ausgeht, notwendig im Rahmen des Bekannten bleiben muß. Gerade die wichtigsten Entdeckungen verdanken wir auch heute noch sehr häufig dem bloßen Zufall. Das Neue begegnet uns in der Regel als zufälliges Nebenprodukt wissenschaftlicher Untersuchungen, die ganz anderen Zielen gewidmet waren.

Daher ist es im Grunde keineswegs ungewöhnlich – so grotesk auch der Zufall gerade hier wirken muß angesichts der Natur der beiden in so unvermuteten Zusammenhang rundenden Sphären – daß die modernen Medikamente, mit denen man neuerdings bestimmte Psychosen, bestimmte Formen des „Wahnsinns“ also, zu heilen vermag, anläßlich der Beobachtung von „Nebenwirkungen“ entwickelt wurden, die man bei der veterinärmedizinischen Anwendung von Wurmmitteln gemacht hatte.

Psychopharmaka – Pharmaka also, die psychische Wirkungen hervorrufen – sind uralter Menschheitsbesitz. Der Alkohol etwa, dessen beflügelnde Wirkung schon die antiken Symposien ihre Entstehung verdankten, erfreut sich ja deshalb so weltweiter Beliebtheit, weil er psychische Effekte hat, weil er Sorgen zu verscheuchen und Hemmungen zu beseitigen vermag. Neben den Rauschdrogen und ihrer sich aus den gleichen Wurzeln ableitenden Rolle im Ritual primitivmagischer Kulte sind hier weiter auch moderne synthetische Stoffe zu nennen wie die Schlafmittel oder das Heer der schmerzlindernden Medikamente, denn auch Schlaf und Schmerz sind ja psychische Phänomene.

Eine neuartige Droge

Der einzige Grund dafür, daß die Psychopharmaka heute so sehr im Gespräch sind und daß sich die „Pharmakopsychiatrie“ als neue Fachdisziplin gebildet hat, besteht in der vor etwa zehn Jahren erfolgten Entdeckung einer ganz bestimmten Gruppe neuartiger Psychopharmaka, der sogenannten „Neuroleptica“. Als deren erste Vertreter wurden die Derivate des Phenothiazins gefunden, chemische Verbindungen also jener Grundsubstanzen, deren ursprünglicher und weitaus weniger subtiler Anwendungszweck in der Veterinärmedizin bereits erwähnt wurde. Kurz darauf kamen das Reserpin – ein natürlich vorkommendes pflanzliches Alkaloid – und noch zwei synthetische Stoffe anderer Natur hinzu.