Die Demonstrationen von Hunderten empörter afrikanischer Studenten auf dem Roten Platz in Moskau sind sicher nicht allein durch den tragischen Tod des 29jährigen ghanesischen Medizinstudenten Edmund Asare-Addao zu erklären. Dieses Ereignis war vielmehr der letzte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Und Chruschtschows wütende Reaktion auf die Proteste der Afrikaner bewies nur, wie ungelegen ihm solche Vorfälle sind. Beim Neujahrsempfang im Kreml polterte der Sowjetpremier: „Zu Hause können sie meinetwegen auf dem Kopf stehen, wenn es ihre Regierung ihnen erlaubt. Hier aber dürfen sie es nicht.“

Asare-Addao, der im Medizinischen Institut von Moskau studiert, hatte zwei Tage vor seiner Hochzeit mit einem russischen Mädchen seine afrikanischen Freunde in Moskau besucht. Sie wußten, daß sich die Eltern der Braut der Heirat widersetzten. Am nächsten Morgen wurde Asare-Addao tot aufgefunden – in Chobrino, einer kleinen Ortschaft an der Bahnlinie nach Kalinin. Die Erregung der afrikanischen Studenten über den Tod ihres ghanesischen Freundes wuchs, als die sowjetischen Behörden erklärten, Asare-Addao sei in betrunkenem Zustand gestürzt und im Schnee erfroren. Die Studenten glaubten das nicht und behaupteten, Addao sei ermordet worden, um seine Heirat zu verhindern.

Sie zogen zur ghanesischen Botschaft und von dort – ihre Zahl war inzwischen auf 550 angewachsen – unter den Rufen „Schluß, mit dem Mord an Afrikanern“ und „Moskau – ein zweites Alabama“ auf den Roten Platz. Erst nachdem ihnen zugesagt worden war, eine Delegation der Demonstranten werde vom Minister für Hochschulbildung, Jeljutin, empfangen, zerstreute sich die Menge.

Die Erregung jedoch ließ nicht nach. Noch am nächsten Tag versuchten Dutzende von afrikanischen Studenten in die ghanesische Botschaft einzudringen, die von der sowjetischen Miliz abgeriegelt worden war. All dies ereignete sich nur wenige Tage, nachdem eine Delegation der People’s Convention Party Ghanas, der Staatspartei Nkhrumas, mit großen Ehren in der Sowjetunion empfangen worden war und als erste Nichtkommunisten – was nie zuvor gewährt wurde – die sowjetische Parteihochschule besichtigen durften.

Die jüngsten Ereignisse in Moskau zeugen erneut – wie viele ähnliche Vorfälle in den letzten Jahren – von den gespannten Beziehungen zwischen den afrikanischen Studenten und ihrer Umgebung in den Ostblockstaaten. Die Ursachen dafür sind mannigfaltig. Die afrikanischen Studenten, die vorwiegend aus prokommunistischen Kreisen ausgewählt werden, reisen meist mit großen Hoffnungen in die Sowjetunion und in die osteuropäischen Länder. Viele von ihnen kommen in dem Glauben, hier ihre politischen Ideale verwirklicht zu sehen; eine Welt anzutreffen, in der soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit herrschen und wo jegliche Rassenfeindschaft längst überwunden ist.

Diese Hoffnungen aber werden sehr bald enttäuscht. Schon nach ihrer Ankunft erfahren die afrikanischen Studenten, daß ihr Stipendium weit höher ist als die Löhne vieler sowjetischer Arbeiter. Ihr Wunsch, sich politisch im Sinne der afrikanischen Befreiung zu betätigen und eigene unabhängige Studentenvereinigungen zu gründen, wird oft durchkreuzt, ja erstickt. Versammlungen und Erklärungen für eigene afrikanische Probleme werden nur dann gestattet, wenn sie mit der jeweiligen „Linie“ der sowjetischen Außenpolitik übereinstimmen. Bald erfahren die afrikanischen Gaststudenten auch, daß selbständiges Fragen und unabhängige Äußerungen über das sowjetische System, selbst wenn sie durchaus objektiv gemeint sind, keineswegs gern gesehen, ja von sowjetischen Dozenten und Funktionären als „sowjetfeindlich“ charakterisiert werden. Hinzu kommt die für afrikanische Studenten erschütternde Entdeckung, daß russische Kommilitonen, in Ausnahmefällen sogar Kommilitonen aus ihren eigenen Reihen, als Informanten tätig sind und sie während ihres ganzen Aufenthaltes bespitzelt werden.

Die größte Enttäuschung aber ist es für sie, daß auch in der Sowjetunion und in den osteuropäischen Ländern die Rassenvorurteile keineswegs überwunden sind. Immer wieder erleben afrikanische Studenten, daß sie in Restaurants „geschnitten“, auf der Straße angepöbelt, in Geschäften absichtlich schlecht bedient werden. Bei Tanzveranstaltungen versuchen Komsomol-Streifen Begegnungen mit russischen Mädchen zu verhindern.