Von Roman Braun

Russische Literatur ist vogelfrei, seit eh und je und für jeden. Jeder darf alles damit anstellen. Den jüngsten Beweis lieferte

„Meisterwerke der russischen Literatur“, übertragen und erläutert von Max Hirschberg; Verlag Droemer/Knaur, München; 368 S., Paperback, 12,80 DM.

„Das Werk teilt den gewaltigen Stoff in geistige und seelische Sphären ein und fügt jeder Analyse dann einige Beispiele aus den Meisterwerken der russischen Literatur bei.“

So der Editor. Zwanzig Seiten „Analyse“, der Rest von etwa 350 Seiten „Beispiele“. Nun wird interessieren, was Hirschberg unter Analyse versteht. Wissenschaft wohl nicht: „Die neuartige Verbindung von Übertragung mit wissenschaftlichen Analyse könnte dazu führen, daß der Zweck dieses Werkes mißverstanden wird“, nämlich „Dankgeschenk den großen russischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts für die königliche Bewirtung, die sie ihm ein ganzes Leben lang gewährt haben ...“

Schon die einleitenden Zeilen verraten: Hier analysiert der Amateur, zwar raumsparend, doch dafür blütenreich; hier analysiert einer, der mehr als durch Wälzen von Sekundärliteratur durch „Nachdenken ... von den russischen Meisterwerken begriffen hat“.

Niemand bestreitet, daß man nachdenkend viel verstehen kann. Aber deshalb müßte Hirschberg das Datum der Christianisierung Rußlands nicht mit 987 angeben – allgemein üblich ist 988 –, darum müßte er auch Gorkijs Geburtstag nicht um ganze sechs Jahre vorverlegen; und warum wird Tschechow nicht 1860, sondern erst 1869 geboren? Zuweilen sind Nachschlagewerke nicht zu verachten. Sekundärliteratur übrigens auch nicht.