Der Papst reist, und die Welt horcht auf. Sie findet das sensationell. Man könnte, mit Verlaub, allerdings ebenso darüber verwundert sein, daß sie diesen Dreistundenflug – eine „private Pilgerreise“ – mit solchem Interesse registriert. Reisen von Staatsoberhäuptern und Würdenträgern sind, zumal heute, nichts Ungewöhnliches. Wäre es daher nicht eher begründet, sich zu verwundern, warum die Päpste seit langem so häuslich waren? Aus früheren Zeiten sind uns zwar Papstreisen bekannt. Gregor VII. traf sich mit Heinrich IV. in Canossa. Siebzig Jahre residierten die Päpste, wenn auch nicht ganz freiwillig, in Avignon. 1804 krönte Pius VII. Napoleon in Paris. Daraus ergibt sich die zweite Frage: Sollte man nicht erstaunt sein, daß – in den zweitausend Jahren seit Petrus – kein Papst mehr das Heilige Land betreten hat?

Die Reise Paul VI. bringt in der Tat vieles in Bewegung. Sie wirkt zunächst als Bruch mit der Vergangenheit. Manchem mag die Kirche, während der letzten vierhundert Jahre, wie ein erratischer Block im Strom der Profangeschichte vorgekommen sein: unbeweglich, ja fast „ungeschichtlich“. Genaugenommen jedoch verbindet eine gewisse kontinuierliche Logik der Geschichte die scheinbar widersprüchlichen Fakten. Es wäre falsch zu meinen, die Kirche sei eigentlich eine ungeschichtliche Größe, die nur durch ihre Beziehung zur historischen Umwelt geschichtlich erscheint. Die Kirche ist vielmehr von ihrem Wesen her geschichtlich: Volk Gottes in der Zeit.

So erklärt sich etwa die Selbstisolierung der Päpste im Vatikan aus der Enteignung des Kirchenstaates 1870. Jedes Verlassen des Vatikans hätte das Problem aufgeworfen, ob damit eine De-Facto-Anerkennung des neuen Zustandes gegeben sei. Erst als sich zeigte, daß auch ohne die alte Form des Kirchenstaates die Souveränität und Unabhängigkeit des Papstes weiter gewährleistet war, konnte sich Pius XI. durch die Lateranverträge mit den neuen Realitäten einverstanden erklären. – Aber weshalb ist früher kein Papst ins Heilige Land gereist? Das mögen viele psychologische und politische Gründe verhindert haben, zumal schon vor dem Mißgriff der Kreuzzüge das kühle Verhältnis zum Islam Komplikationen heraufbeschworen hätte.

Geschichtliche Logik darf freilich nicht gleichgesetzt werden mit einer linearen Entwicklung oder gar mit blinder Notwendigkeit. Gerade in unseren Tagen spürt man stark eine Wandlung der Kirche in einer gewandelten Welt. Wenn Paul VI. von König Hussein als Souverän empfangen, als Gast begrüßt und geleitet wird, wenn der Papst auf den Stationen seiner Reise für die mohammedanische wie die jüdische Bevölkerung – herzliche und achtungsvolle Worte findet, wenn er sich in Jerusalem mit dem Patriarchen von Konstantinopel und mit Vertretern anderer christlicher Konfessionen trifft, so bekundet sich in diesen Episoden die erwähnte Wandlung in auffälliger Weise. Die Reise bezeugt, daß der Papst sein Rom nicht verstanden wissen will als eine Festung mit argwöhnisch verschlossenen Toren, sondern als eine weitoffene Stadt des heiligen Austausches.

Die Kirche steht zu allen Zeiten einer doppelten Aufgabe gegenüber. Sie muß das Erbe Christi ungeschmälert wahren. Sie bleibt sich selbst treu, wenn sie ihm treu bleibt. Aber gerade diese Treue erfordert auch, daß sie den Geist Jesu jeder geschichtlichen Epoche gegenwärtig macht. Das wiederum verlangt, die eigengeartete, jeweils abgewandelte Weise des Christlichen einer jeden Epoche gemäß zu ermitteln.

Waren in der nachreformatorischen Zeit das Hauptaugenmerk, ja, die bisweilen ängstliche Sorge darauf gerichtet, daß nur kein Jota des Erbes verlorengehe, so haben die Diskussionen des Zweiten Vatikanischen Konzils erwiesen, daß nunmehr die Frage nach der zeitgemäßen Weise des Christlichen in der modernen, pluralistischen Welt das Blickfeld beherrscht.

Welche Zusammenhänge lassen sich finden zwischen dem verschärften Gespür für den Anspruch der geschichtlichen Stunde und der Pilgerreise des Papstes? – Resümieren wir, um darauf die Antwort zu geben, was geschehen ist. Der Papst geht zu den Stätten, wo Jesus gelebt und gewirkt hat. Sie sind für ihn nicht nur Symbole der Erinnerung, nicht nur Hieroglyphen göttlicher Geheimnisse: sie sind vielmehr der konkrete Schauplatz einer historischen Realität; sie bezeichnen den Ort, wo Gott sich geschichtsmächtig in den Wandel der Zeit einpflanzte.