Bei der Betrachtung eines Stadtplanes fallen zwischen den begrenzten Farben für bebaute Flächen und Parks verbundene Liniennetze auf, verschiedene für Magistralen, Oberflächenverkehr, Schnellbahnen über und unter der Erde. Die Zusammenarbeit dieser Netze, der von Adern leicht vergleichbar, sagt gut für Gesundheit der Stadt. Ihr Blut bewegt sich darin, durchläuft die Glieder, hält sie belebt.

Eines dieser Systeme war in Berlin die Stadtbahn. Schon für den Ortsfremden lag die Hauptstadt in der Stadtbahn. Sie zog ihn aus den Fernbahnhöfen in die Provinzen der Stadt, mit ausstrahlenden Radialen und einem riesigen Ring brachte sie ihm einen räumlichen Begriff der Gegend bei, bevor sie ihn entließ in eins der Zentren oder der Stadtdörfer, von wo aus seine feinere Bewegung begann in den Bahnen unter der Erde, auf der Erde, den Bussen, durch einzelne Straßen, um die Ecke, in die Nähe des gewünschten Hauses. Für ihn wie für die Einheimischen tat die Stadtbahn das Ihre, wie ein anderes Verkehrsmittel das Seine, sie teilten die Arbeit der Beförderung, Organen vergleichbar.

Die Stadtbahn in Westberlin steht seit 1961 unter einem Boykott, den die Vernunft nicht erklärt, und selbst die Vorgeschichte ist nur davor.

Nach dem Krieg wurden die sowjetisch besetzten Bezirke der Stadt getrennt von den anderen, die seitdem als ein besonderes Westberlin leben. Das Abkommen der Siegermächte hatte auch gemeinsame Einrichtungen der Sektoren geteilt: So war der Betrieb der Stadtbahn der Ostberliner Reichsbahndirektion überantwortet, ihr Gebiet in Westberlin dem Hoheitsrecht der Stadtkommandanten unterstellt. Die Untergrundbahn kam unter Regie der Westberliner Verkehrsgesellschaft BVG, mit entsprechenden Einschränkungen in der Oststadt. Plötzlich 1952 wurden die Straßenbahnen und Omnibusse nicht mehr über die Grenze gelassen. Aber die Straßen standen offen, die Untergrundbahn unterhielt durch beide Städte gehende Linien, die Stadtbahn fuhr beide Städte aus und darüber hinaus ins Land.

An jedem einzigen Tage vor dem August 1961 wurde die Grenze zwischen den Städten Berlin in beiden Richtungen fünfhunderttausendmal überschritten, vielmals in den gelbroten Zügen der Stadtbahn. Da kamen in den Westen Besuch, Verwandtschaft, Kunden, Käufer, Gäste, Arbeiter, Angestellte, Friedhofsgänger, Leute ins Kino, Flüchtlinge und Flüchtlinge. Da fuhren in den Osten die Besuche, Kunden, Putzfrauen zurück, dahin gingen Beschäftigte der Stadtbahn, Opernhausmitglieder und Publikum, Freunde, Verwandtschaft, Leute zum Friseur. Über den Anteil der Geheimdienstagenten werden uns die Archive in fünfzig Jahren Zuverlässiges nicht sagen. Fünfhunderttausendmal täglich, von neun Bewohnern beider Berlin immer einer war unterwegs, oft stellvertretend, hinüber und herüber. Die Städte blieben einander wenigstens bekannt, flüchtig verwandt, locker verwachsen.

Die Weststadt saß isoliert durch den Neuanfang der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Tradition, durch Absperrung vom Land, durch Wohlstand. Auch die Stadtbahn wurde in ihren friedensmäßigen Anschein hineingezogen, obwohl an ihr Züge waren, die hinter der weststädtischen Zeit her standen, wie Versteinerungen der Zeitschicht, nachkriegsverwittert, unverhältnismäßig, sozusagen absurd:

Auf Westberliner Gebiet waren in den Stadtbahnzügen alle ihresgleichen, oder doch in den Schutz dieser Gleichartigkeit aufgenommen. Fremd dazwischen, vergebens bemüht um Selbstverständlichkeit, standen Uniformen der ostdeutschen Bahnpolizei. Die setzten sich nur zu mehreren, wenn sie ein Abteil ganz belegen konnten.