Das Jahr 1963 brachte am Rentenmarkt neue Absatzrekorde, vor allem an Anleihen der öffentlichen Hand und Pfandbriefen. Mitentscheidend waren die beträchtlichen Käufe ausländischer Anleger, die bei den deutschen Papieren einen international sehr hohen Zins kassieren können, ohne dabei ein Währungsrisiko zu laufen. Aber auch das deutsche Publikum hat mehr denn je festverzinsliche Wertpapiere erworben. Da dies vorerst so bleiben wird, lassen Sie uns das neue Jahr mit einem Gespräch über die richtige Auswahl bei den Renten beginnen.

Bei der Anlage in festverzinslichen Werten steht der Renditegesichtspunkt an vorderster Stelle. Der Anleger will hier mit seinem Geld den höchstmöglichen effektiven Zins erzielen. Dabei wird in der Regel der Nominalzins in seiner Wirkung überschätzt. Nominalzins ist der Zinssatz, der während der gesamten Laufzeit eines festverzinslichen Wertpapieres gezahlt werden muß. Zur Zeit beträgt der Nominalzins in fast allen Fällen 6 Prozent. Da der Ausgabekurs (oder Erwerbspreis) gegenwärtig meist 100 Prozent beträgt, also mit dem Nominalbetrag (auf den die Zinsen gezahlt werden müssen) übereinstimmt, ergibt sich bei den jetzt auszugebenden Papieren eine Rendite von 6 Prozent. Aber ist dieser Satz der höchste, der sich zur Zeit auf dem Rentenmarkt erzielen läßt?

Diese Frage läßt sich – wie so häufig in Anlagedingen – nicht mit einem schlichten Nein oder Ja beantworten. Es kommt stets auf den Einzelfall an. Ein wichtiges Wort spricht dabei die steuerliche Situation des einzelnen mit. Das Düsseldorfer Bankhaus C. G. Trinkaus hat in seiner Broschüre „Festverzinsliche Wertpapiere und ihre Renditen“ (17. Auflage, Dezember 1963) in leicht verständlicher Form Hinweise auf die unter Berücksichtigung der Steuern erzielbaren Renditen gegeben. Aus der Tabelle können Sie, meine verehrten Leser, ablesen, daß für einen Privatmann sich im Augenblick in jedem Falle 5prozentige tarifbesteuerte Obligationen empfehlen. Für ein Betriebsvermögen empfehlen sich gegenwärtig bei einer 30prozentigen steuerlichen Belastung ebenfalls 5prozentige Obligationen, aber bei 50prozentiger Steuerbelastung steuerfreie Werte. „Steuerfrei“ heißt in diesem Falle, daß die Zinserträge nicht der Einkommensteuer, Körperschaftsteuer und der Gewerbesteuer unterliegen.

Für Anleger, die nicht in den Bereich der deutschen Steuergesetzgebung fallen, sei gesagt, daß die Zinserträge aus deutschen festverzinslichen Werten in der Bundesrepublik in der Regel nicht steuerpflichtig sind. Es ist für Ausländer deshalb nicht ratsam, die im Kurs hochstehenden, in der Verzinsung aber niedrigen steuerfreien Papiere zu erwerben. Für Ausländer sollten deshalb entweder die 5prozentigen tarifbesteuerten Obligationen oder die neuen 6prozentigen Emissionen im Vordergrund stehen.

Für welche der beiden Sorten man sich entscheidet, hängt im wesentlichen davon ab, wie lange man an den festverzinslichen Papieren festhalten will. Ist beispielsweise beabsichtigt, die Anlage acht bis neun Jahre durchzuhalten, dann bieten die 5prozentigen Obligationen (Kurs 93,75 Prozent) auch ohne Berücksichtigung der steuerlichen Verhältnisse einen kleinen Renditevorteil. Da ja, wie Sie wissen, meine verehrten Leser, Rentenwerte zum Nennwert, also zu 100 Prozent, zurückgezahlt werden, ergibt sich bei den 5-Prozentern ein Tilgungsgewinn, der zur Verbesserung der Rendite beiträgt. Sie beträgt bei den 5prozentigen Obligationen (mittlere Laufzeit achteinhalb Jahre – siehe Tabelle) 6,12 Prozent.

Berücksichtigen wir nunmehr noch die steuerliche Lage des Anlegers und nehmen wir an, daß die Papiere zum Privatvermögen gehören und die Erträge daraus mit insgesamt 30 Prozent zur Einkommen- und Kirchensteuer veranlagt werden, dann wird das bisherige Ergebnis wesentlich dadurch beeinflußt, daß der Tilgungsgewinn von 0,74 Prozent jährlich steuerfrei ist. Die Rendite vor Entrichtung der Steuern stellt sich dann auf 6,46 Prozent.

Ich weiß, meine verehrten Leser, daß solche Rechnungen kompliziert und sicherlich nicht für jeden Anleger verständlich sind. Aber schließlich wollen wir hier auch keine mathematischen Formeln lösen. Mir kam es lediglich darauf an, Ihnen einen ungefähren Überblick über die Anagegesichtspunkte zu geben. Einzelheiten besprechen Sie am besten mit Ihrer Bank oder Sparkasse. Nur eines merken Sie sich bitte: Niemals von einem hohen Nominalzins in die Irre führen lassen!