Hindemith ist nicht mehr. Bald werden die Götter meiner Jugend alle dahingegangen sein. Als man – ein Pennäler – die ersten Antennen spannte, in den zwanziger Jahren, die in der Nachkritik nicht nur Ansehen, sondern auch Haut goût behalten haben, legte man die „Suite 1922“ leicht erreichbar dorthin ins Notenregal, wo bisher Bachs „Englische Suiten“ lagen. Probierte man sie aus, so knallten bald irgendwo Türen. Denn niemand verstand beispielsweise – auch der Spieler nicht –, daß nach Weisung des Komponisten an gewissen Stellen das Klavier „als eine Art Schlagzeug behandelt“ werden solle. Er hielt sich dann an das „Nachtstück“, das die Folge der ganz neuen Tänze, wie es damals Foxtrott und Ragtime waren, unterbrach. Und weil er mit Regers kleineren Klavierstücken vertraut war und daher schon wußte, daß nicht alles „falsch“ ist, was nicht auf jeden Fall und an jedem Ort im Dur- und Moll-System zu bestimmen ist, hatte er nichts dagegen, wenn der Komponist von „1922“ die Beziehungen der Töne neu ordnete.

Hindemith war der Bürgerschreck, der „Bursche der zu weit ging“. Den meisten erschien, er sogar als der leibhaftige Anti-Künstler. Aber die jungen Leute, die ihn verstanden (oder sich heiß Um das Verständnis bemühten), sie hatten eines begriffen: den Entschluß einiger schöpferischer Menschen, die jung in den Weltkrieg hatten ziehen müssen, die Dinge von Grund auf neu zu regeln. Hindemith als weltveränderndes Prinzip – das ist eine der Faszinationen meiner Jugend gewesen.

Und als ich ihn, der Schule entronnen, endlich zu Gesicht bekam, fand ich, daß ich nie einen Menschen von größerem Mut, größerer Gelassenheit, ja, von größerer Sachkenntnis in allen Dingen der Künste und des Lebens gesehen hatte. Einmal zog einer seiner Schüler eine Photographie Hindemiths aus der Tasche und malte ihr eine Perücke um den Kopf. Bach!

Viel später sah man: Gar so zufällig war der Spaß nicht gewesen, so äußerlich die Ähnlichkeit nicht. Hindemith war tatsächlich der Bach des 20. Jahrhunderts. Denn könnte man die Historie vertauschen und die Spätromantiker vor Bach setzen, so stünde der Thomas-Kantor als der „Anti-Künstler“ da, etwa im Angesicht eines Wagner, Liszt oder ihrer geistigen Erben bis hin zu Richard Strauss.

Übrigens blieb es immer so: Entweder sah man in Hindemith den „Umstürzler“ oder den neuen „alten Meister“, den Mauer-Einreißer oder den fleißig bauenden Handwerker. Daß er, der Umgängliche, aber auch manchmal Schrullige, meist nicht wie die anderen wollte, war klar; er wollte immer Seines und auf seine Weise, aber er wollte es möglichst mit anderen. Er war beispielsweise ein großer Virtuose, aber er hielt sich schlecht, wenn er sein Instrument, die Bratsche, spielte; ihm fehlte die Pose, das „Virtuosentum“; auch lag es um nicht, Übungen stets und ständig zu wiederholen, wie dies doch eine Vorbedingung des Virtuosentums ist. Dafür spielte er recht gut fast alle Orchesterinstrumente, auch Orgel und Klavier. Er verstand es, alles, was er wollte, ziemlich leicht und sehr systematisch zu erlernen. In reifem Alter, als er, der „Volksschüler“, Professor an der Yale-University war, lernte er sogar Latein, wobei wahrscheinlich seine Frömmigkeit den Ausschlag gab, wie überhaupt Hindemiths Religiosität vieles erklärt von dem, was er tat und schrieb.

Wenn denn die Musik notwendig und deutsche Musiker nötig sind, so ist Hindemith notwendig. Nach dem Kriege las ich in einem Aufsatz von Walter Dirks, daß ihm die drei Klavier-Sonaten aus dem Jahre 1936 etwas gewesen seien, an dem er sich in der Zeit der Dürre und Düsternis hatte aufrichten können (Schott hatte das Werk Hindemiths, der verboten war, dennoch gedruckt und es „privat“ an „Interessenten“ geliefert). Mir war es zufällig genauso ergangen.

Es gibt kein besseres Stück gegen die Verzweiflung als die grandiose Schlußfuge aus der dritten dieser Sonaten. Systematisch angewandte, aufs Unabänderliche gerichtete Kraft!

Josef Müller-Marein