In der zweiten Hälfte seines Lebens stand er dem tonangebenden Avantgardismus, wie überhaupt der "Moderne", recht fern. Darum sind wir ihm nun noch viel zu nah. Noch viel zu sehr verstrickt in den Kampf, den Paul Hindemith gegen die "Zwölftöner" ebenso wie gegen gewisse vermeintliche Radikalismen seiner Jugend führte. Man verharrt noch in den ideologischen Schützengräben, obschon der Tod den Kampf beendete. Auffällig genug, daß in zahlreichen Hindemith gewidmeten Nachrufen so häufig zitiert wird, was alles er gesagt, geglaubt, gefordert, verworfen hat.

Gewiß, es ist fast unmöglich, nicht vor dem Bilde des Hindemithschen Lebensumschwungs gebannt zu sein. Der als junger Mann Beethoven einen Schnurrbart anmalte und Wagner zitierend verhohnepiepelte, dirigierte später ehrfurchtsvoll in Bayreuth die Neunte. Der einer sehr freien A Tonalität zu huldigen schien im Lieder Zyklus "Marienleben" und in der "Cardillac" Oper, nahm später vereinfachende Retuschen vor. Der wie ein Tempelschänder in die Heiligtümer der Klavier Pädagogik eingebrochen war, bekam plötzlich etwas Deutsch Meisterliches und schrieb ein höchst didaktisches, durchaus inspiriertes, manchmal aber auch lehrhaft trockenes "Ludus Tonalis". Mag sein, daß er jenes Element offenbaren Schwindels, welches in avancierter moderner Musik und wohl auch Malerei steckt, mit Hilfe seiner Jugenderfahrungen entlarvte. Er schonte niemanden, nicht einmal sich selbst. Im letzten Jahre seines Lebens sagte er einem Physiker, der zugab, mit Hindemiths Sonaten nicht allzuviel anfangen zu können, das sei in Ordnung "Die frühen Komponisten, Haydn und Beethoven waren ja auch viel besser als wir Und als eine Streichquartett Vereinigung gleich nach dem Kriege dem Heimgekehrten ein Kompliment machen wollte mit dem Hinweis, daß man sehr häufig Hindemith spiele, antwortete der erfahrene Komponist und Kammermusik Praktikus: "Zu Mozart reichts wohl nicht " Der späte Hindemith war unzeitgemäß. Jedoch war diese Unzeitgemäßheit eher die Johann Sebastian Bachs. Auch Bach machte zwar in seiner Jugend den großen, nach vom drängenden Schritt mit, den die Musik tat — ja er selbst ging ihn für alle Musik —, aber er verharrte in seinen späten Jahren in der eigenen Welt, ging nicht weiter mit der sogenannten "Entwicklung" und mußte sich von jungen Kritikern schulterklopfende Unverschämtheiten sagen lassen.

Daß Bachs Verschränkung von archaischer Polyphonie und ungeheuer vorausgreifender Harmonik nicht nur die vielleicht bedeutendste Musik unseres Kulturkreises hervorbrachte, sondern zugleich auch höchst moderne Ergebnisse mit einschloß, sei hinzugefügt.

Auch der späte Hindemith verharrte in dem Reich, das er in seiner Jugend, an der Spitze zeitgenössischen Kompomerens stehend, miterschaffen hatte — und es ist üblich geworden, ihm (wie übrigens auch Strawinskij) vorzuwerfen, daß die Versprechungen der Jugend nicht erfüllt worden seien im Späteren. Doch während Strawinskijs kulturkritische Intelligenz und seine unvergleichliche ästhetische Sensibilität es mit sich brachten, daß allen Einwänden zum Trotz als "modern" galt und gilt, was und wie er gerade komponiert, wurde Hindemiths Genie das Opfer einer seltsamen kulturpolitischen Konstellation.

Es ist nämlich ganz offenbar, daß im gegenwärtigen Musikleben öffentliches Interesse sich besonders rasch einstellt für alles, was entw:der mit Musiktheater im weitesten Sinne zu tun hat oder was kulturpolitisch polemisch relevant üturi sik hingegen gibt es weniger i ublikum, weniger Musizierer und, nicht zuletzt weniger öffentliche Anteilnahme Über eine neue Sonate schreibt man nicht Über eine neue KurzOper durchaus.

Hindemith nun, der sich einerseits in Häidel mit der "Moderne" verstrickte und andererseits der größeren Öffentlichkeit vor allem als Opernkomponist (Uraufführungen, Neubearbeitungen, der Mathis Skandal, Furtwänglers Eintreten für diese fast übermäßig deutsche Oper) bekannt war, rückte an den Rand des Musikgeschehens (Ein Glück, daß nicht allzu viele und ausführliche Äußerungen Bachs dar aber vorliegen, was er über seine jüngeren Zeitgenossen dachte. Man stelle sich vor, derlei zweifellos herb Polemisches würde ständig zitiert und nicht die Kunst der Fuge gespielt ) Natürlich, Hindemith darf am Format eines Bach nicht gemessen werden. Aber doch auch nicht an seinen Opern und Oratorien. Zweifellos krankt der "Mathis" an dem vom Komponisten selbst verfaßten Textbuch. Darin steckt soviel direktes Bekenntnis, soviel sentimentale Selbstaussage, so wenig opernhafte Kraft, daß Hindemith sich selbst im Wege steht. Ohnehin muß auffallen, daß Komponisten wie Hindemith und Krenek sich nicht etwa besonders leicht komponierbare, sondern eher besonders mühselige, reflexions- und bekeuntnisfreudige Libretti vorlegen. Nicht recht glücklich steht es auch um Hindemiths großes Oratorium "Das Unaufhörliche". Der Bennsche Text (zuvor hatte Hindemith, weltanschaulich offenbar wenig engagiert, einen Brecht Text, davor Marcellus Schiffer komponiert) bringt den Tonsetzer da manchmal zu jenem "Grau in Grau" Melos, das die Gegner Hindemith dann so fleißig vorwarfen, und nur wenn große Crescendi polyphone Ballungen krönen, freche Trompeten an die Keckheiten des jungen Hindemith erinnern oder das Vorspiel zum Sopran Solo mit Chor hohe Expression wagt, dann ist Hindemith auf der Höhe seines wahren Könnens. Bei Riesenvorwürfen gab er nicht sein Bestes.

Das tat er in der Kammermusik. Wer sich an den verruchten Exzessen der Frühzeit und den akademischen der Spätzeit stößt, hat ganz aus Äug und Ohr verloren, daß Hindemith von Anfang an bis zu seinem Ende ein großer Andante Komponist war. In den Sonaten Opus 11, die zwischen 1920 und 1922 erschienen, in der verruchten Jazz Suite "1922" finden sich durchaus jene träumerischen, stillen und blühenden melodiösen Selbstgespräche einer besinnlichen Seele, wie sie von jeher Zeichen wahrhaft großer Musik sind Über alle vermeintliche Neoklassizität hinweg bis hin zur durchaus an Bruckner meßbaren und mit Bruckner vergleichbaren herrlichen Bratschen Sonate (1939) war Hindemith da schöpferisch, ganz er selbst, unverwechselbar und unverlierbar. Zarte Stücke, wie einzelne Sätze aus der Klaviermusik Opus 37, wie die schöne vierhändige Sonate, wie die Streichquartette und selbst die schon nicht mehr ganz so verbindlichen Instrumentalkonzerte halten fest, was dieser Paul Hindemith zu sagen hatte. Obschon er ein erschreckend universeller Musiker war, hat seine Musik doch kaum jene extrovertierte Virtuosität, die sich mit großer deutscher Kammermusik genauso wenig verband wie, nach einem Diktum von Georges Braque (das gegen Picasso zielte), mit großer französischer Malerei. Hindemiths Ton leiser persönlicher Klage gehört längst zu unserer Welt, zu den Tönen, die uns umgeben. Der Tod hat da nichts verändert. Nichts braucht entdeckt oder verlegen belobigt zu werden. Jetzt dürfen alle sich seinen ruhigen Bekenntnissen ohne jede musikparteiliche oder sonstige Rückversicherung hingeben. Da er sowieso jecles Instrument beherrscht, wird er im himmlischen Orchester hochwillkommen sein und ein paar bisher ausgelassene Stimmen zu spielen haben, während seine Kollegen Bach, Mozart und Schumann, Brahms und Bruckner freundlich herüberblmzeln. Joachim Kaiser