Herr S. ist krank. Seit vier Jahren läßt er sich regelmäßig ärztlich behandeln; er „hat es mit der Leber“. Damit, warnte sein Hausarzt, sei nicht zu spaßen. Er war davon überzeugt, daß sein Patient eine Kur brauche. Nur sie könnte seine Beschwerden lindern.

Herr S. ist Arbeitnehmer. Man erwartet von ihm, daß er sich nicht nur seiner Familie, sondern auch seiner Firma gegenüber verpflichtet fühlt, seine Arbeitskraft zu erhalten. Dazu gehört, daß er auf seine Gesundheit achtet. Damit er es kann, ist er Mitglied einer Ersatzkasse, an die er seit seiner Lehrzeit Beiträge zahlt. Er tut dies bereits 29 Jahre. Zum erstenmal soll diese allseits bewährte Institution nun für Herrn S. einen Teil der Arzt- und Kur-Kosten übernehmen.

Herr S. wird zu einem Vertrauensarzt beordert. Als er die Untersuchungsstation betritt, sitzen auf den Stühlen des kahlen Warteraums schon viele andere Aspiranten. Herr S. wartet anderthalb Stunden, obwohl er für einen bestimmten Termin bestellt war. Die Zeit bezahlt die Firma. Als Herr S. das Zimmer des Vertrauensarztes betritt, liegt der Kur-Antrag des Hausarztes auf dem Schreibtisch. Jener soll auf Wunsch der Ersatzkasse prüfen, was dieser herausgefunden hat.

Herr S. wird kontroll-untersucht. Es ist die gleiche Untersuchungsfolge, die er bei seinem Hausarzt schon einmal absolviert hatte: Blutdruckmessung, Blutsenkung, Blutbild, Durchleuchtung, Abtasten. „Machen Sie sich frei. – Legen Sie sich hin!“ Tief ein- und ausatmen. Fertig – Anziehen – Abwarten. Ton und Atmosphäre sind anonym. Der Vertrauensarzt bemerkt skeptisch: „Kur fraglich.“

Er schickt nun – ebenfalls wie schon einmal der Hausarzt – Blutproben und so weiter an ein bakteriologisches Institut.

Nach acht Tagen erkundigt sich Herr S. nach dem Befund. Es ist der gleiche wie der, den der Hausarzt vorgelegt hatte. Das Ergebnis: „Die Kur ist genehmigt.“

Die Frage bleibt: Herr S. und mit ihm viele Versicherungsteilnehmer verstehen nicht recht, warum zum Beispiel die Untersuchungsergebnisse eines anerkannten bakteriologischen Institutes, das ja auch der Hausarzt schon bemüht hatte, nicht auch von Ersatzkassen akzeptiert werden. Die doppelte Untersuchung ist unrationell.