Hindemilh ist nach Richard Strauss der international akkreditierte Repräsentant deutscher Gegenwartsmusik gewesen. Er war darüber hinaus eine Erscheinung von zunehmendem Seltenheitswert in unserer Zeit: nämlich eine Persönlichkeit hohen Ranges, deren innere Einheit sich kompromißlos gegenüber allen andersartigen Erwartungen, Ansprüchen und Zumutungen der wechselnden jeweiligen Kulturmodeströmungen behauptet hat. Hier war noch einmal, inmitten der schon beinahe unbeschränkt geltenden Tendenz zum künstlerischen Konformismus, jemand, dessen Wirken sich ganz aus dem eigenen Zentrum einer starken Individualität nährte.

Dieser große Mann ist nicht einmal, sondern zweimal von „seinem Volke“ – wenn man so sagen darf – verleugnet worden: das erste Mal, weil er der gerade tonangebenden Tagesmeinung zu traditionsfeindlich, das zweite Mal, weil er ihr zu traditionsfreundlich erschien. Schon das beweist seine Größe. Nur das Starke, Eigensündige und wahrhaft Schöpferische geht in keiner Aktualität auf. Die Chronisten aber glaubten, da einen Bruch im Wesen des Komponisten erkennen zu müssen; einen Umfall, Abfall auch im vitalen Sinne; jedenfalls einen Bedeutangsschwund. Und warum? Weil der aus der Emigration Heimgekehrte sich nicht inzwischen zur Dodekaphonie bekehrt hatte, sondern sich selbst und seiner künstlerischen Einsicht treu geblieben war. Und weil er obendrein seinen Kinderschuhen entwachsen war. Daraus wurde der Richtspruch abgeleitet: der einstige Revolutonär sei zum Reaktionär geworden, der einstige Wortführer des Zeitgeistes bleibe nunmehr hinter der Zeit zurück. Als ob es einen, der aus eigenem Kapital zu leben und zu schenken vermag, etwas anginge, aus welchen Quellen andere ihre Mittel schöpfen! Eines ist natürlich richtig: Paul Hindemith hat von einem bestimmten Zeitpunkte seiner Entwicklung an aufgehört, Revolutionär im Sinne eines Zerschmetterers alter Gesetzestafeln zu sein. Mehr und wirksamer als selbst Strawinskij, das Vorbild in mancher Beziehung, war er in den zwanziger Jahren zum musikalischen Vollstrecker der Abrechnung mit allem geworden, was sich im Ersten Weltkriege und dem folgenden Zusammenbruch als überaltert, abgenutzt und ausgeleert erwiesen hatte. Dem pseudoromantischen Epigonentum und einer bequem gewordenen sybaritischen Musikauffassung bildungsbürgerlicher Provenienz galt Hindemiths Kampf, den er nicht nur mit der ganzen vehementen. Kraft seiner genialischen Begabung führte, sondern auch mit der übermütigen Dreistigkeit, der ironischen Frechheit des jugendlichen Überlegenheitsgefühls. Sein buchstäblich bahnbrechendes Umstürzlertum war damals das getreue Spiegelbild jener Jugendlichkeit, die von jeher sich selbst als das Maß aller Dinge betrachtet.

Die Konstruktion, der spätere, tiefernste und mit Betonung ethisch orientierte Hindemith, der Verfechter sittlicher Verpflichtung des Künstlers und Verkünder einer neuen freien Tonalität sei mit dem früheren scheinbaren Zyniker, der wie eine Dynamitladung in die alten Ordnungen fiel, unvereinbar – diese Konstruktion ignoriert die Wirklichkeit auf leichtsinnigste Weise. In Wahrheit hat der „alte“ Hindemith sich ganz ebenso entschieden von einer ihm fremden und nach seiner Überzeugung unfruchtbaren Kunstanschauung distanziert, die er um sich herum als zeitgemäß erlebte, wie der frühe sich gegen diejenige aufgelehnt hatte, die er in der Umwelt seiner Jugendjahre vorfand. Hier wie dort revoltierte er gegen seine Zeit; hier wie dort ließ er sich nur von einem einzigen Motiv bestimmen: von seiner Vorstellung dessen, was die Zeit brauchte, nicht, was sie wollte. So war und blieb er irgendwelchen Zeitgenossen stets ein Ärgernis.

Der Alleskönner, der das gesamte musikalische Handwerkszeug beherrschte wie keiner neben ihm, der Artist und der souveräne Gestalter, dessen Lebensleistung so riesig ist, daß eine Nennung von einzelnen Werktiteln hier nur wenig besagen kann, der Meister, der sich bemüßigt fand, einige seiner stärksten Jugendwerke auf Grund seiner geläuterten ästhetischen Ansprüche zu revidieren, der Schöpfer leuchtender Höhenwerke wie des „Marienleben“, des „Mathis der Maler“ oder der „Nobilissima visione“, der Mitbegründer der Donaueschinger Feste zeitgenössischer Musik, der begeisterte musikalische Jugenderzieher von früh an und der Autor der „Unterweisung im Tonsatz“: sie alle sind eine unteilbare Person, deren Grundzüge sich als a priori gegebene Eigenschaften in ihrer allmählichen folgerichtigen Entfaltung durch alle Lebensabschnitte verfolgen lassen. Gleichviel, wie diese Züge sich äußerten – ob mit dem aggressiven Elan des jungen Vorkämpfers einer neuen „heiligen Nüchternheit“ oder mit der ruhigen Selbstverständlichkeit des Wiederentdeckers gültig bleibender Gesetze – immer ging es diesem überragenden Musiker allein um eine Kunst um des Menschen willen.

Walter Abendroth