Bernd Nellessen: „Die verbotene Revolution. Aufstieg und Niedergang der Falange.“ Leibnitz-Verlag, Hamburg; 201 Seiten, 14,80 DM.

Es ist wenige Wochen her, daß Tausende von Falangisten in den Straßen von Madrid ihrer Überzeugung Luft machten mit dem Ruf: „Falange ja, Opus Dei nein!“ Niemand war damals in der spanischen Hauptstadt darüber im Zweifel, daß die Falange die Fortführung der „Revolution“ beabsichtigt, die sie 1933 begonnen hatte. Um die Hintergründe dieser verspäteten Straßenkundgebung verstehen zu können, genügt die Lektüre des Buches „Die verbotene Revolution“. Nellessen hat sich nicht darauf beschränkt, die Geschichte der Staatspartei aufzuzeigen und zu erklären. Unter Zuhilfenahme von unveröffentlichten Dokumenten hat er die politische, soziale und kulturelle Geschichtsphilosophie der Falange geschrieben. Trotz gewisser – übrigens unbedeutender – Irrtümer verhilft dieses Buch zum Verständnis der neuen liberalen und prowestlichen Politik General Francos, die er seit 1959 verfolgt. Die ehemalige Staatspartei ist heute, wie es der Autor in seinem Vorwort sagt, „eine Gruppe unter vielen“.

Diese politische Gruppe, die auch Gutes bewirkt hat, ist eine Konsequenz der tragischen Situation, die Spanien während seiner demokratischen Periode erlebte: aus der Freiheit machte man einen Freiheitsexzess, Mord war an der Tagesordnung, die Staatstreiche wechselten in schöner Selbstverständlichkeit einander ab, bis schließlich niemand mehr jemandem Glauben schenkte. Dieses Elend begann schon 1898, als Spanien seine letzten amerikanischen Kolonien verlor (Kuba, Puerto Rico, Guam und die Philippinen). Auf die Enttäuschung, die dieser Verlust unter den bedeutenden Geistern der Epoche – die man als die „Generation der 98“ kennt – hervorrief, folgte eine Wirtschaftskrise, die reichen Provinzen Spaniens mißtrauten den armen Gebieten, die Worte „Föderalismus“ und „Kantonalismus“ tauchten in der politischen Diskussion auf. Der Verfasser erklärt uns die Bauernrevolten in Andalusien, die Erhebungen in Asturien und Katalonien, die Krise der Monarchie, die Diktatur von General Primo de Rivera (mit königlicher Einwilligung ins Leben gerufen) und die Heraufkunft der zweiten Republik im Jahre 1931.

Nach der politischen Erschütterung wollte jemand die spanische Einheit retten: José Antonio Primo de Rivera, ein junger Advokat und Sohn des Diktators Primo de Rivera. Gemeinsam mit seinen Freunden, alles ehemalige Monarchisten, gründete er 1933 die Falange. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, „die Einheit und die Ehre Spaniens zu retten“, ohne mit den Kräften der Rechten oder der Linken irgend einen Kompromiß einzugehen. 1934 akzeptierte die Falange, unter anderem auf Grund der blutigen Auseinandersetzungen mit der kommunistischen Jugend, die Vorschläge der nationalsyndikalistischen Angriffsgruppen. Die politische Losung der Nationalsyndikalisten (JONS) lautete: „nationale Einheit“ und „syndikalistische Revolution“. Die Falange nannte sich „Falange der JONS“. Den Zusammenhalt brachten die blutigen Straßenkämpfe gegen die Kommunisten. Man schrieb 1936, als der Bürgerkrieg ausbrach. Nach einigem Zögern stellte sich die (schon sehr starke) Falange auf Francos Seite. 1937 beschloß Franco, sie unter seine Kontrolle zu bringen. Er vereinigte alle politischen Parteien (Traditionalisten, liberale Monarchisten und Konservative) in der Falange. Es entstand daraus die „Falange Espanola Tradicionalista y de las JONS“. Für Franco war es ausgemachte Sache, daß Streitigkeiten unter den Parteien eine Schwächung des Staates herbeiführen würden.

Anders war die Meinung eines der Falange-Führer, Hedilla, der einen Staatsstreich gegen Franco organisierte. Mit Beendigung des Bürgerkrieges im Jahre 1939 wurde der Caudillo zum Staatschef ernannt, der dann die (sozialistische) Doktrin der Falange zur Grundlage des zukünftigen Regimes machte: des Estado Español.

Für die Falange-Partei begann die Ära der Macht, der Zweite Weltkrieg behauptete ihre Gewalt, der internationale Boykott, beschlossen von den Vereinten Nationen (1948–1950) festigte sie. Aber die strategische Lage Spaniens gab dem Regime Franco eine militärische Bedeutung, die sich die Vereinigten Staaten zu sichern wußten. Der Beitritt Spaniens zu den Vereinten Nationen im Jahre 1955 setzte der falangistischen Macht ein Ende, die sich schon im Zerfall befand, seitdem General Franco 1947 Spanien zum Königreich proklamiert hatte. Heute geht Spanien mit dem Westen. Die Falange, auf eine „gesellschaftliche Vereinigung“ reduziert, will nicht „eine Gruppe unter vielen anderen“ sein. Hauptsächlich der linke Flügel (mit kommunistischen Tendenzen) will die „verbotene Revolution“ weiterführen. So erklären sich die Kundgebungen, von denen zu Beginn dieser Rezension die Rede war. Juan Torres-Cordero