Seine Beschwichtigungspolitik scheiterte, weil sie unzeitgemäß war

Von Paul Sethe

Martin Gilbert und Richard Gott: „The Appeasers.“ Houghton Mifflin Company, Boston. 444 Seiten mit vielen Bildern. 6,50 Dollar.

Zwei junge englische Historiker haben die Akten, veröffentlichte und unveröffentlichte, der britischen Außenpolitik aus dem Ende der dreißiger Jahre durchforscht, dazu die Memoirenliteratur studiert; sie messen diese Politik an den Folgen, gehen den Einzelheiten und Widersprüchen nach und veröffentlichen schließlich ihren zusammenhängenden und eindringlich erzählten Bericht in einem amerikanischen Verlag. Es ist merkwürdig, daß sich kein britischer Verlag dazu bereit gefunden hat. Glaubt man in England, die Geschichte des Appeasement – der Beschwichtigung Hitlers – sei zu schmachvoll, als daß sie so breit erzählt werden sollte? Leiden auch unsere früheren Gegner unter einer unbewältigten Vergangenheit, mit der sie nicht fertig werden können? Auf jeden Fall schulden wir den Autoren und dem Verlag Dank dafür, daß auch die Deutschen nun das Bild der jüngsten Vergangenheit reicher, vielfältiger, genauer sehen können als bisher.

Vor dem nüchternen Blick der beiden Verfasser verblaßt mancher Zug des Geschehens, der bisher als dramatisch galt. Der Name München ist ein Symbol und wird es bleiben. Als Ereignis war München nicht besonders wichtig. Die Übereinkunft bestätigte nur, was schon Monate vorher festgelegt worden war: Die Engländer drängten den Deutschen das Sudetenland geradezu auf. Über die Angliederung des weiten Landes war zwischen London und Berlin keinen Augenblick ein ernsthafter Zweifel. In Godesberg und München wurden nur die letzten Einzelheiten einer längst beschlossenen Tatsache festgelegt. Der Gedanke erscheint noch nachträglich als absurd, daß es zwischen den beiden Staaten ausgerechnet wegen des Sudetenlandes zu einer dauernden Verstimmung oder gar einem Krieg hätte kommen können.

Noch nach Prag versöhnungsbereit

Die uneingeschränkte Bereitwilligkeit der Briten dazu, dem Deutschen Reich dieses deutsche Land einzufügen, stimmte mit den Grundzügen der Politik Chamberlains und seiner engeren Mitarbeiter überein. Sie wollten die enge Zusammenarbeit mit Deutschland, und sie waren bereit, einen hohen Preis dafür zu zahlen. Das Schlagwort Appeasement erschöpft das Wesen dieser Politik nicht. Sicherlich, die Appeasers haßten den Krieg und wollten leidenschaftlich den Frieden, und sie waren auch deshalb bereit, den Deutschen entgegenzukommen, um sie zu beschwichtigen. Aber wer in ihnen nur von blinder Kriegsfurcht erfüllte Geschöpfe sieht, die dem Tiger einen Fleischbrocken nach dem anderen hinwerfen, um ihn sanft zu stimmen, sieht weder die moralischen Antriebe ihrer Politik noch ihre sachlichen Überlegungen richtig.