E. P., Hamburg

Das Befremden begann schon auf der freiheitlich-westlichen Seite. Ein Zollbeamter schrieb hurtig die Daten aller Personalausweise in sein Buch und sagte, als ihm die Antwort auf seine Frage nach dem Zweck unserer Reise zunächst vorenthalten wurde: „Wenn Sie mir das nicht sagen, kommen Sie hier gar nicht erst ’raus, das wissen Sie doch ganz genau!“ – Bürokratische Querelen dieser Art, die uns in der Bundesrepublik als unangenehme Überraschungen auffallen, erwartet man in der DDR wie eine Selbstverständlichkeit. Aber wir hatten Glück: „Achtung! Das is ’ne Delegation!“ hörten wir als Anweisung für unsere Kontrolleure, und innerhalb weniger Augenblicke waren für uns die leidigen Formalitäten erledigt. Auf dem Nebengleis in Richtung Westen stand ein langer Brikettzug. Ein Vopo wanderte über die Waggons und stocherte mit einer Eisenstange in der Ladung. „Es gibt hier nämlich manchmal Schwarzfahrer!“ erklärte uns einer seiner Kollegen ...

Der Empfang in Leipzig war freundschaftlich. Auf dem Bahnhof hatte man uns – den Mitgliedern der Hamburger Studentenbühne – noch besorgt erzählt, daß der Kartenvorverkauf sehr schleppend sei; unmittelbar nach unserem ersten sichtbaren „Auftreten“ aber waren die 600 Karten für die Vorstellung binnen kurzem ausverkauft. Die Erklärung, die dafür geliefert wurde, scheint auf mißliche Erfahrungen hinzuweisen: Die Leipziger Studenten kauften erst, nachdem wir tatsächlich da waren.

Der Erfolg des Abends war so groß, daß das ohnehin schon sehr eitle Applausarrangement viermal durchgeklatscht wurde. Wir hatten das „Antigone-Modell“ von Brecht (nach Sophokles/Hölderlin) für Leipzig nicht nur gewählt, weil keine qualitativ bessere Aufführung zur Verfügung stand, sondern auch, weil uns die von Brecht auf die Bewältigung der faschistischen Vergangenheit gerichtete Bearbeitung auch heute noch anwendbar erscheint – und zwar auf Mißstände in beiden Teilen Deutschlands. Das wurde auf der Diskussion am nächsten Tag, was die Mißstände in der Bundesrepublik betraf, ohne weiteres verstanden; die Anwendung des Stücks als Kritik auch an der DDR verbat man sich hingegen strikt.

So, wie die Gesprächsrunde zusammengesetzt war, konnte dies kaum überraschen: Die Bezirksleitungen der Blockparteien und der SED hatten ihre Vertreter entsandt, die mit einer energischen Volte beinahe innerhalb eines einzigen Satzes von der Antigone auf die Deutschlandfrage zu sprechen kamen. Etwa so: „Ihre Aufführung dieses Stückes mit seinem humanistischen Anliegen hat uns tief beeindruckt; finden Sie nicht auch, daß Brandt sich in der Passierscheinfrage Finden Sie nicht auch, daß die NATO...“ Damit war die Diskussion praktisch am Ende. Aus der Bundesrepublik als kritische Linksliberale ausgereist, mußten wir uns in die Rolle der „kalten Krieger“ einspielen. Man hätte das Gespräch ebensogut nach einer halben Stunde abbrechen können.

Diese Erfahrung war jedoch ein Einzelfall. Bei allen anderen Gesprächen, die meist in der aufgelockerten Werkstattatmosphäre des intimen Studiokellers der FDJ-Studentenbühne unterhalb des St.-Nicolai-Platzes stattfanden, waren beide Seiten bemüht, offen und sachlich zu diskutieren. So gab zum Beispiel eine Lyriklesung von Sarah und Rainer Kirsch, wie auch die Gespräche mit zwei anderen in der DDR ebenfalls recht bekannten jungen Lyrikern, Volker Braun und Heinz Czechowski, den Anlaß zu recht interessanten literarischen Vergleichen. Auffällig für uns die Hinwendung zum Idyll. Wie aber bemißt sich der Wert eines „sozialistischen Gedichts“? Während für unsere Gesprächspartner die positive Haltung gegenüber dem Staat das wichtigste Kriterium war, erscheinen uns jene. Gedichte am gelungensten, die ihre Wurzel in dem subjektiv privaten Bereich haben und in denen ein resignierender, bisweilen zorniger Skeptizismus spürbar wird, wenn es darum geht, sich mit negativen Erscheinungen des Sozialismus auseinanderzusetzen.

Für die jungen Lyriker der DDR scheint der Marxismus-Leninismus verbindlich zu sein, wie überhaupt viel vom „Standpunkt“ die Rede war. So kommt es, daß ein Autor wie Enzensberger drüben mit einigem Mißtrauen betrachtet wird. „Enzensbergers Büchner-Rede“, meinte einer, „finde ich geradezu verbrecherisch; der Mann hat ja keinen Standpunkt, er schlägt wahllos nach beiden Seiten.“