Ein Staatsmann, der, bevor er handelt, nur erwägt, was seinem Staate nützen könnte, nicht aber auch danach fragt, ob seine Planungen sich in den vom Völkerrecht gezogenen Schranken halten, hat zum Schaden seines Landes seinen Beruf verfehlt.“ Der das sagt, ist kein weltfremder Schwärmer, sondern ein bedeutender Wissenschaftler, ein Kenner der Staatenpraxis: der Göttinger Völkerrechtler Professor Herbert Kraus, der eben sein 80. Lebensjahr vollendet hat. Mut und Überzeugungstreue zeichnen den Gelehrten aus, aber das Eindruckvollste an ihm ist sein Glaube an Macht und Wirksamkeit des Rechts in einer Zeit ungezählter Rechtsbrüche.

Herbert Kraus habilitierte sich 1914 in Leipzig, in den Jahren 1917 bis 1919 war er im Auswärtigen Amt tätig, seit 1928 ist er Ordinarius für Völkerrecht in Göttingen. Das national-sozialistische Regime pensionierte ihn zwangsweise. Nach dem Zusammenbruch aber übernahm er sogleich wieder seinen Dienst am Recht – mit einer der heikelsten Aufgaben, die es damals für einen deutschen Juristen gab: als Verteidiger in Nürnberg. In dem Bericht über diese Tätigkeit sagte er seinen Studenten, die Verteidigung habe den Kampf gegen die Kollektivschuldthese gewonnen – doch nannte er stets auch die Verbrechen der deutschen Staatsführung beim Namen.

Die Themen, mit denen Kraus sich wissenschaftlich beschäftigt hat, reichen von Kant bis zur Koexistenz. Das große Thema seiner Arbeit war in den letzten Jahren die Rechtslage der deutschen Ostgebiete. Der Gelehrte, der aus einer ostpreußischen Familie stammt, ist Präsident des Göttinger Arbeitskreises ostdeutscher Wissenschaftler. In Auseinandersetzung mit den Argumenten der polnischen und sowjetischen Völkerrechtler hat Kraus immer wieder nachgewiesen, daß die Massenvertreibungen und die Annexion der Gebiete jenseits von Oder und Neiße gegen das Völkerrecht verstoßen.

Der Jurist Kraus weiß, daß das Recht der Macht bedarf, um sich durchzusetzen. Doch den Krieg als Mittel nationaler Politik verwirft er mit unzweideutigen Worten. Wenn man ihm vorhält, sein juristischer Kampf um die Ostgebiete sei unrealistisch, so entgegnet er: „Niemand kann in die Zukunft sehen, und Illusionen von heute sind oft morgen oder übermorgen zu Realitäten geworden.“ H. P. B.