Hamburg, im Januar

Die Tür des Saales 336 im Strafjustizgebäude der Hansestadt Hamburg öffnete sich. Blitzlichter flammten auf. Ein Herr von schmächtiger Gestalt, in schwarzem Anzug, mit bleichem Gesicht lächelte verkniffen, strahlte schließlich. Rund hundert Menschen drückten gegen Notbarrikaden aus Bänken auf dem Flur des Gerichtsgebäudes. Sie applaudierten. Ein Hüne im Drillichanzug drängte sich an einem jungen Polizisten vorbei und schüttelte dem Mann im schwarzen Anzug die Rechte. Der Kommunist Ernst Aust verließ den Gerichtssaal wie ein Sieger.

Die Polizisten machten zwei Mütterchen Platz. Die Frauen pellten mit zitternden Händen rote Nelkensträuße aus Seidenpapier und überreichten sie Aust. Minutenlanges Händeklatschen und Hochrufe durchbrachen ordnungswidrig die Stille in den Gängen des ehrwürdigen Justizgebäudes. Wenige Minuten zuvor war Aust von der I. Großen Strafkammer des Landgerichts Hamburg zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden.

Das war der melodramatische Schlußakkord eines bedeutsamen Prozesses. Sein Ausgang hatte manche überrascht – nicht zuletzt Ernst Aust selber. Das Gericht hat ihn zwar wegen Unterstützung der verbotenen KPD in zwei Fällen und Beleidigung in drei Fällen verurteilt, ihm aber gleichzeitig das Recht bestätigt, eine prokommunistische Wochenzeitung herauszugeben. Ernst Aust darf weiter in der Bundesrepublik die politischen Thesen der KPD ganz legal durch seine Zeitschrift "Blinkfüer", propagieren.

Er tut es bereits seit zehn Jahren. Seit 1953 verfaßt Aust an seinem Schreibtisch im Hause Reeperbahn 116, von dem er auf die Piraten-Tanzdiele und das Hauptquartier der Heilsarmee blickt, bitterböse Artikel gegen die Bundesrepublik – gegen ihre Regierung, ihre großen Parteien und ihre "soziologische Ordnung". Er benutzt recht harte Worte. Den Bundeskanzler Adenauer nannte er einen "kaum noch des logischen Denkens fähigen Mummelgreis". Den Mauerbau in Berlin kommentierte er: "Am 13. August 1961 hat die bewaffnete Arbeiterklasse auch in Deutschland der Reaktion, den Kriegstreibern und Hitlergeneralen mit Erfolg Paroli geboten." Er forderte Abrüstung im Westen und meinte: "Wir, die Werktätigen des Westens, würden es ihr (der Sowjetunion) schwer übelnehmen, wenn sie darauf verzichten würde, die stärkste Macht. der Welt zu sein." Starker Tobak, selbst für liberale Hanseaten. Dennoch nahm das niemand in Hamburg – außer Axel Springer – allzu ernst. Springer organisierte einen Boykott der Zeitungs-Grossisten gegen "Blinkfüer". Doch die Zeitung kam auf verlagseigenen Mopeds und Fahrrädern weiter an die Hamburger Kioske – rund 35 000 Exemplare in jeder Woche.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelte, ließ sich jedoch viele Jahre Zeit für die Voruntersuchungen – bis man in Bayern Kunde vom legalen kommunistischen Treiben an der Elbe erhielt. Einige CSU-Abgeordnete fragten im Bundestag an, ob die Regierung nichts gegen Ernst Aust unternehmen könne. Natürlich konnte die Regierung eines demokratischen Rechtsstaates nicht. Aber "Blinkfüer" war zu einem Politikum geworden. Anfang des vergangenen Jahres erhob die Hamburger Staatsanwaltschaft Anklage.

Seit dem 8. Oktober stand Aust dreimal in der Woche vor seinen Richtern. Man machte es sich nicht leicht in Hamburg. Und auch der Angeklagte machte es dem Gericht mit langen politischen Tiraden und polemischen Ausfällen nicht leicht, Geduld und Distanz zu bewahren.