Der britische Commonwealth-Minister Duncan Sandys ist ein Mann, dem das politische Getümmel behagt. Sein dramatischer Nachtflug auf das in innere Wirren verstrickte Zypern war ganz nach seinem Geschmack. Aber er wußte wohl auch, daß er sich damit auf ein Unterfangen einließ, das für Großbritannien gewiß nicht profitabel sein wird und leicht riskant werden könnte. Es mag leicht dahin kommen, daß die Briten nur den Schiedsrichter abzugeben hätten, den dann beide Parteien anpöbeln und die Zuschauer mit harten Gegenständen bewerfen.

Dennoch blieb der britischen Regierung kaum eine Wahl. Sie konnte sich nicht desinteressiert zeigen, wenn ein Mitglied des Commonwealth wie Zypern drauf und dran war, von schweren Schießereien zu offenem Bürgerkrieg überzugehen, und wenn die türkische Regierung die britische Botschaft in Ankara verständigte, daß die Türkei militärisch in Zypern eingreifen müsse, falls die Sicherheit der Türken auf Zypern nicht unverzüglich gewährleistet werde.

Wenn es den britischen Truppen, die nach Zypern geflogen wurden, auch rasch gelang, ein Maß der Ruhe wiederherzustellen – dem Commonwealth-Minister wild es schwerfallen, auf der nun anberaumten Zypern-Konferenz in London der Mittelmeer-Insel eine hoffnungsvollere Zukunft zu eröffnen, als es vor dreieinhalb Jahren geschah. Denn die damaligen Abkommen von Zürich und London, auf denen die Unabhängigkeit Zyperns beruht, schürzten ja den Knoten, der jetzt entwirrt werden soll – und kaum zu entwirren ist.

Erzbischof Makarios wurde damals gezwungen, auf den Traum von Enosis, der Vereinigung mit Griechenland, zu verzichten und eine Verfassung zu unterschreiben, die der türkischen Minderheit Rechte gibt, wie sie gewiß keine Minderheit der Welt besitzt. Der türkische Vizepräsident Kütschük, hat ein ausgiebiges Vetorecht gegen Regierungsmaßnahmen, von dem er auch ausgiebig Gebrauch macht. Viele Gesetze bedürfen gesonderter Mehrheiten der griechischen und der türkischen Abgeordneten. Den Türken mußten 30 Prozent der Beamtenstellungen zugesichert werden, und sie sollen 40 Prozent der Soldaten auf Zypern stellen. Die Türkei bestand auf solchen Sicherungen aus dem begreiflichen Grund, daß sonst der türkischen Minderheit sehr übel mitgespielt werden würde. Austreibung, wenn nicht gar Ausrottung der zypriotischen Türken, erscheint nicht gar so wenigen griechischen Extremisten als die einzig praktische Lösung. Aber das Ergebnis dieser Verfassung war Gesetzsabotage, das Fehlen gesetzmäßiger Gemeindebehörden auf Zypern, das Fehlen gesetzlicher Handhaben zur Steuereintreibung, und selbstverständlich auch das Fehlen des vorgesehenen zypriotischen Heeres von 5000 Mann; Präsident Makarios dachte nicht daran, Zyprioten zu den Waffen zu rufen, von denen 40 Prozent Türken sein sollten. Dies allerdings hinderte weder Griechen noch Türken, von Waffen nur allzugut Gebrauch zu machen.

Welche Lösung kann im Januar 1964 in London gefunden werden, die im Juli 1959 nicht gefunden wurde? Die Teilung der Insel, die Kütschük vorschlug, wird von Makarios nicht in Betracht gezogen; Kütschük selbst scheint sich schon eines andern besonnen zu haben. Makarios aber geht nach London mit dem festen Entschluß, eine neue Verfassung durchzusetzen, die weder lähmende Sonderrechte der türkischen Minderheit anerkennt noch eine demütigende Überwachung durch Griechenland und die Türkei.

Großbritannien ist der streitbare Erzbischof gegenwärtig gnädig gesonnen. Er hat wiederholt ausgesprochen, daß er nur die Engländer für unparteiisch genug hält, um eine Überwachung auszuüben. Aber kann er die türkische Minderheit, kann er die Türkei selbst überreden, auf Sonderrechte und auf Überwachungsrechte zu verzichten? Kann er Großbritannien überreden, eine so undankbare Aufgabe allein zu übernehmen? Oder kann er sich im Fall eines Scheiterns der Londoner Konferenz viel von einem Appell an die UN versprechen – wenn doch so klar ist, wie wenig Lust die Vereinten Nationen haben, einen Schiedsrichter (unter entsprechender Bedeckung) nach Zypern zu schicken?

Was immer Douglas-Home und Duncan Sandys beschließen: Wenn die Nationalitätenfehde auf Zypern weiterschwelt und immer wieder aufflammt, dann wird in England selbst der Druck unwiderstehlich werden, britische Überwachungstruppen abzuziehen. Dann aber würden türkische Truppen bereitstehen, auf Zypern zu landen.

Martin Wieland