RH. Hamburg

In Hamburgs Spezialkino für historische Kolossalgemälde ist endlich Kleopatra angekommen, der Film, über dessen hindernisreiche Entstehung so viele Geschichten erzählt und verkauft wurden, daß die Geschichte von der Ägypterin neben der amerikanischen Kleopatra ganz verblaßte. Ihre Wirkung hier in Hamburg bleibt auch nicht auf die im Dunkeln und Hellen lebhafte Gegend um Hauptbahnhof und Steindamm beschränkt, in der das Kino gelegen ist. Ein zweites, in mancher Hinsicht vergleichbares Zentrum für Kleopatra hat sich nahe der Reeperbahn gebildet. Dort nämlich sind die Kleider der Film-Königin, „Originalkostüme“ der Elizabeth Taylor aus dem Film, in den Schaufenstern des großen Warenhauses von Karstadt zu sehen, Pfauenwedel und anderes zweitausendjähriges Zubehör – Cäsar im goldenen Streitwagen rosselos zwischen Kleidern, Mänteln und Handtaschen wie bei Madame Toussauds –, nur viel besser erhalten natürlich, viel neuer antik. „Guck mal, Anni“, sagt eine Hamburger Hausfrau, „S-stola mit Franseben zu zweiundvierzig Mark, alles für Kleopatra.“

Die Kleider der Filmdame sind nicht verkäuflich, hingegen schön. Sie muß die Hamburgerin entbehren, die sich im Souterrain des Warenhauses in eine Kleopatra verwandeln läßt. Vor goldenem Thron, kupferne Gefäße mit reichlich Kunstobst zu beiden Seiten, geht die Verwandlung vor sich. Eine amerikanische Kosmetikfirma liefert die Zutaten. Wie der Filmkonzern den Film, so „präsentiert Max Factor das neue Makeup „Cleopatra 1963“. Ein Mannequin verteilt Zettel mit Anweisungen zur Verwandlung. „Kleopatra – nach zweitausend Jahren ist sie uns wiedergeschenkt!“

Der Behandlungsstuhl für das Gratis-Probe-Make-up ist immer besetzt. Mutige junge Hausfrauen lassen sich zweitausendjährig machen. Kleine Kinder sehen gebannt zu, wie Erwachsene sich leuchtendes Blau und Grün und dazu viel Schwarz ins Gesicht schmieren. Die dürfen das! Und man selbst darf nicht einmal über die Absperrung! Herzzerreißendes Geschrei, wenn die Mutter sich darauf besinnt, daß sie Brot und Käse einkaufen muß und zu Hause die Kartoffeln verkochen.

Zwei Damen von der Reeperbahn wollen sich die königlichen Zutaten kaufen. Sorgfältig lesen sie Verzeichnis und Gebrauchsanweisungen. „Eventuell falsche Wimpern anbringen.“ „Hab’ ich.“ „Die Konturen der Lippen müssen der Form der Augenbrauen entsprechen – na, wenn ich das man hinkriege...“ Plötzlich muß eine der beiden sich an einen Tisch anlehnen – so ist sie von Lachen geschüttelt. „Und stets Creme Puff“ steht auf der Teint-Liste... „Kann man doch unmöglich im Laden verlangen“, sagt die Dame, „oder ob man das ägyptisch ganz anders aussprechen muß?“