Von Peter Probst

Hat Walter Ulbricht Kehlkopfkrebs? Das Gerücht ist seit einiger Zeit immer wieder zu hören, und es tauchte am vergangenen Wochenende abermals auf, als der 70jährige Staatsratsvorsitzende und Parteichef der DDR „wegen Heiserkeit“ darauf verzichten mußte, bei der Feier des 45. Jahrestages der KPD-Gründung seine Festrede selbst vorzutragen. Wer könnte an seine Stelle treten?

Als zweiter Mann gilt in der SED-Führung ein Funktionär, der fast 20 Jahre jünger ist als der oberste Boß: Erich Honecker. Vieles deutet darauf hin, daß Ulbricht selber ihn als seinen Nachfolger im Amte des SED-Parteichefs betrachtet. Auf dem VI. Parteitag vor einem Jahr war Honecker neben Ulbricht das einzige Politbüro-Mitglied, das ein Hauptreferat hielt; alle anderen lieferten nur „Diskussionsbeiträge“, er jedoch begründete das neue SED-Statut. Bei der letzten Tagung des Zentralkomitees sprach er das Schlußwort; danach flog er überraschend als Leiter einer Parteidelegation nach Moskau – und jetzt war es wiederum Erich Honecker, der bei der KPD-Gründungsfeier für den heiseren Ulbricht einsprang und dessen Rede verlas.

Der 51jährige gehört zu den interessantesten Figuren im Machtapparat der DDR. Er ist Mitglied des Politbüros und hauptamtlicher Sekretär im Zentralkomitee der SED – doch diese Titel besagen nur wenig über seinen Einfluß. In Wirklichkeit dirigiert er von seinem Posten aus das Staatssicherheitsministerium, das Verteidigungsministerium und das Innenministerium. Der einstige Dachdecker hat damit die beherrschenden Kommandohöhen des SED-Regimes erklommen. „Bewaffnete Organe und Sicherheit“ ist sein Arbeitsgebiet im ZK umschrieben.

Honecker stammt aus Neunkirchen an der Saar, wo sein Vater Bergarbeiter war – und Kommunist. Als er zehn Jahre alt war, kam der kleine Erich zu den „Jungen Pionieren“; zwei Jahre später schloß er sich dem Jugendverband an; mit 18 trat er der KPD bei; von 1933 bis 1950 war er Sekretär des Kommunistischen Jugendverbandes (KJV) des Saargebiets. Nach Hitlers Machtübernahme arbeitete er an der Ruhr und in Süddeutschland illegal für die KPD, 1934 wählte ihn das Zentralkomitee des illegalen KJV zum Mitglied. In jenem Jahr wurde er zum erstenmal verhaftet, doch reichte das Beweismaterial gegen ihn nicht aus; er durfte an die Saar zurück. Dann jedoch kehrte das Saargebiet „heim ins Reich“, und Honecker ging nach Berlin. Mit sieben Mitarbeitern verhaftete ihn dort 1935 die Gestapo. Achtzehn Monate saß er in Untersuchungshaft, gab aber keine Geheimnisse der „Illegalen“ preis. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn 1937 zu zehn Jahren Zuchthaus.

Die Rote Armee befreite Honecker 1945 aus der Strafanstalt Brandenburg-Görden, in der heute Gegner des SED-Regimes inhaftiert sind. Sogleich nahm er die politische Arbeit wieder auf. Bereits am 1. Juli 1945 traf er mit dem aus der Sowjetunion zurückgekehrten Altkommunisten und späteren DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck in Ostberlin zusammen. Sein Auftrag: die Grundlagen für eine kommunistisch gelenkte Jugendorganisation zu schaffen. Honecker wurde mit der Bildung sogenannter „überparteilicher und antifaschistischer Jugendausschüsse“ betraut. Als am 7. März 1946 die „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) gegründet wurde, stand er Name ihres Chefs schon fest: Erich Honecker. In Brandenburg an der Havel hatte das „I. Parlament der FDJ“ lediglich die Aufgabe, ihn in der Funktion des Vorsitzenden zu bestätigen.

Honecker hat nicht wenig dazu beigetragen, die FDJ aus einer anfangs überparteilichen Organisation in einen Ableger der Einheitspartei zu verwandeln. Sein Vorbild war dabei der Komsomolzen-Verband, die sowjetische Staatsjugend, deren Arbeit er im Sommer 1947 in der UdSSR studierte. Er war es, der die FDJ in die antireligiöse Kampagne der SED einschaltete; im April 1953 forderte er in überaus scharfer Form die „Liquidierung“ der evangelischen Jungen Gemeinde. Und Honecker war es auch, der 1952 die Einführung des Schießunterrichts, des Fallschirmspringens und des Motorfliegens bei der FDJ verkündete; der Popularisierung der Wiederbewaffnung bei der Jugend widmete er danach seine ganze Energie.