Von Erwin Lausch

Um den 36jährigen Polizisten Edward C. Callahan stand es schlecht. Er war bei einem Raubüberfall auf einen Supermarket in Boston durch einen Kopfschuß schwer verletzt worden. Die Ärzte des Massachusetts General Hospital, in das Callahan eingeliefert worden war, sahen kaum eine Chance, ihn durchzubringen.

Callahan hatte nur noch wenige Stunden zu leben, als den Chefchirurgen Dr. Paul Russell ein Kollege vom Bostoner Peter Bent Brigham Hospital anrief. Dr. Francis D. Moore bat Russell, eine delikate Mission zu übernehmen: Russell möge die Frau des Polizisten um die Leber ihres Mannes bitten.

Nach dem Tode Callahans sollte das Organ die krebskranke Leber eines sonst todgeweihten Patienten ersetzen. Mrs. Ermalinda Callahan stimmte zu, und so war der Weg frei für eine der dramatischsten Operationen des vergangenen Jahres.

Vorgesehener Empfänger der Leber war ein 58jähriger Bauarbeiter namens Joseph J. Bingel. Seine Krankheit war zu weit fortgeschritten, als daß die krebskranken Partien der Leber noch hätten weggeschnitten werden können. Nun bereiteten die Ärzte des Peter Bent Brigham Hospitals alles für den Augenblick vor, da Callahan seiner Verletzung erliegen würde.

Der Polizist starb um 17.30 Uhr. Der Leichnam wurde in den Operationssaal gefahren. Die Chirurgen spritzten eine Kühlflüssigkeit in die Leber, präparierten das Organ sorgfältig frei und legten es in einen sterilisierten Behälter mit kalter Salzlösung. Das Ganze dauerte 24 Minuten. Ein Anruf hatte das Operationsteam des Peter Bent Brigham Hospital alarmiert.

Um 18 Uhr wurde Bingel narkotisiert. Während die Leber des Polizisten in einem Krankenwagen zum Peter Bent Brigham Hospital gefahren wurde, begannen die Chirurgen dort bereits mit dem Eingriff. Vorsichtig schnitten sie die erkrankte Leber aus dem Körper. Um 18.36 Uhr traf die Ersatzleber ein. Um 21 Uhr war sie an Bingels Blutkreislauf angeschlossen. Es war 0.35 Uhr, als die letzte Naht vollendet war.