Von Kurt Wendt

In den ersten Januartagen hatten die Signale in fast allen Börsen "Grünes Licht". Die Wirtschaftsprognosen für 1964 lauteten fast übereinstimmend günstig. Selbst das Deutsche Industrieinstitut in Köln war an der Jahreswende bereit, von einer sich bessernden Konjunktur zu sprechen, mit aller begreiflichen Vorsicht natürlich. Psychologisch war der Boden für eine Aufwärtsbewegung der deutschen Aktienkurse deshalb gut vorbereitet. Dennoch hat ihr Ausmaß überrascht. Einige Standardwerte kamen ihren im Jahre 1963 erreichten Höchstkursen sehr nahe. Die Preussag-Aktien haben sie sogar weit überschritten.

Möglich wurde der allgemeine Anstieg einmal durch das Ausbleiben der Verkäufe deutscher Aktien aus amerikanischem Besitz, zum anderen aber auch durch forcierte Käufe einiger Großanleger, die bereit sind, die finanziellen Konsequenzen aus der optimistischen Lagebeurteilung zu ziehen. Wenn diese Großanleger inzwischen wieder zurückhaltender geworden sind, denn entspricht das einem vernünftigen markttechnischem Verhalten, denn die anlagefreudigen Kreise haben kein sonderliches Interesse an überhitzten Kursen, sondern suchen die Gelegenheit, möglichst preiswert einzusteigen.

Das Interesse der Käufer konzentrierte sich vornehmlich auf solche Werte, die durch die eingangs erwähnten amerikanischen Verkäufe über Gebühr unter Druck gehalten worden waren, also auf die drei großen IG-Farben-Nachfolger (BASF, Bayer und Hoechst sowie auf die Elektrowerke AEG und Siemens, außerdem auf die drei Großbanken wobei deutlich wurde, daß der Markt für Deutsche-Bank-Aktien am engsten war, weil sich dieses Institut niemals sonderlich um die Placierung ihrer Aktien im Ausland bemüht hatte. Infolgedessen waren die Folgen der Auslandsverkäufe hier am geringsten.

In den aufgezählten Papieren scheint die Aufwärtsbewegung ihr Ende keineswegs erreicht zu haben. Darüber können auch gelegentliche Schwankungen nicht hinwegtäuschen. Den Banken, die 1963 ein gutes Jahr hinter sich bringen konnten, wird von der ihrer Zeit immer weit vorauseilenden Börse für 1964 ein noch besseres Ergebnis vorausgesagt, nicht zuletzt im Hinblick auf die bescheiden gewordenen Steigerungen der Personalkosten.

Die eigentliche Würze erfuhr die Aufwärtsbewegung der deutschen Aktienhausse jedoch erst durch die sogenannte "Erdgashausse". Die Börsenphantasie erhitzte sich an den der deutschen Nordseeküste vorgelagerten umfangreichen Erdgasvorkommen, die in den nächsten Monaten durch einige Gesellschaften, teilweise in konsortialer Tätigkeit, erschlossen werden sollen. Da man ziemlich zuverlässig weiß, daß in der holländischen Provinz Groningen etwa 6 Billionen Kubikmeter Erdgas zu erschließen sind, rechnet man mit ähnlichen Vorräten im deutschen Teil der Nordsee bzw. in der Nähe der holländischen Grenze. Die Ausbeutung dieser Vorkommen wird die Energiewirtschaft im norddeutschen Raum auf eine völlig neue Basis stellen, und nicht nur hier, sondern auch in anderen Teilen der Bundesrepublik.

Die Erdgashausse begann bei Wintershall, bereits erfolgreich im Erdgasgeschäft engagiert und einer der größten deutschen Erdgasproduzenten. Der Wintershall-Kurs ist seit April 1963 von 250 Prozent auf jetzt rund 410 Prozent gestiegen. Die anderen erdgasverdächtigen Werte, Deutsche Erdöl, Salzdetfurth, Preussag und Gelsenkirchener Bergwerke, zogen – zwar nicht ganz so stürmisch – aber immerhin auch ganz ansehnlich an. Die Käufe in diesen Papieren erfolgten zu einem großen Teil auf ausländische Rechnung.