Unterscheidet man die so imponierenden Verbesserungen der sportlichen Höchstleistungen nach Schnelligkeit, Ausdauer und Kraft, so ist die Zunahme bei jenen Disziplinen, bei denen die Kraft eine entscheidende Rolle spielt, dort, wo Eisen zum Widerpart des Menschen wird, beim Gewichtheben und Kugelstoßen, am sensationellsten, wobei wir in unserer Betrachtung von den Wurfübungen einmal absehen.

1924 in Paris brauchte der Amerikaner Houser mit der 7,25 kg schweren Metallkugel sage und schreibe ganze 14,99 m zu erzielen, um Olympiasieger zu werden. 1960 in Rom dagegen mußte sein Landsmann Bill Nieder die Kugel über die 20-Meter-Marke stoßen, um zu gewinnen. Das bedeutet eine Verbesserung von einem vollen Drittel der ursprünglichen Weite, eine Steigerung von über 33 Prozent. Gegenüber der Verbesserung im Sprint das Zehnfache! Ein Statistiker könnte nun den Finger heben und verlangen, daß man mindestens die 25 Besten der jeweiligen Sportepoche vergleichen müsse, um signifikante Werte zu erhalten. Wir sind aber in der angenehmen Lage, nicht mit wissenschaftlicher Akribie vorgehen zu müssen, sondern uns mit einer groben Orientierung begnügen zu können. In der angegebenen Prozentzahl mag eine größere Fehlerbreite stecken; sie vermag aber nichts an dieser so verblüffenden Differenz zu ändern. Diese wird sogar noch drastischer, wenn man die Leistung des Olympiasiegers im Gewichtheben von 1924, des Italieners Tonani im Olympischen Dreikampf von 342,5 kg jenen kaum noch vorstellbaren 552,5 kg des Russen Jurij Wlassow von Stockholm 1963 gegenüberstellt. Hier beträgt die Steigerung gar 62 Prozent. Läßt sich dieses Phänomen erklären? Ausgerechnet die menschliche Kraft, die doch recht statisch und damit festgelegt zu sein scheint, soll derart zugenommen haben? Bei der Anpassung der Organe mit ihren vielfältigen regulativen Verflechtungen könnte man sich eine solche Steigerung doch viel eher vorstellen als ausgerechnet bei der Skelett-Muskulatur, deren Kraft doch durch ihren Querschnitt gegeben ist.

Gab es nicht schon in der Antike jene Darstellungen kraftstrotzender Athleten? Wie könnte ein solches Muskelgebirge wie der Herkules von Farnese noch übertroffen werden? Nun, wir kennen die Leistungen jener herkulischen römischen Berufsathleten nicht, bei denen der Geist so gründlich aus dem Körper vertrieben worden war. Die Christen huldigten dann ja einem konträren Extrem, jetzt wurde die Körperkraft verbannt. Immerhin mußten sie den guten Christopherus belassen, in dem sich unschwer ein christianisierter, die Weltkugel tragender Herkules erkennen läßt, aber der starke Riese scheint sich wirklich nur in die Versammlung geschundener Märtyrer und abgezehrter Heiliger verirrt zu haben.

Auch die Kraft kam wieder

Renaissance und erst recht die Barockzeit setzen die Kraft wieder in ihre alten Rechte ein. Michelangelos Christus in der Sixtinischen Kapelle hat den Körper eines Athleten, und bei Rubens feiert die Verherrlichung der Kraft ja wahre Orgien. In klassizistischer Zeit stand dann die Kraft wieder einmal niedriger im Kurs. Ganz aufs edle Maß gerichtet, wurde der Apoll von Belvedere zum Sinnbild männlicher Schönheit. Aber neben dieser schlankwüchsigen Ausgabe gibt es ja auch von ihm antike Kopien, die ihn als kraftvollen Athleten zeigen. Schließlich war er ja auch der Gott der Faustkämpfer.

Um die Wende unseres Jahrhunderts waren die keuchenden Berufs-Ringkämpfer mit geschwelltem Bizeps und gezwirbeltem Schnurrbart die Interpreten männlicher Kraft. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde dann auch das Gewichtheben, ein Zweig der Schwerathletik, die sich von der Leichtathletik getrennt hatte, populärer.

Mit dieser physiologisch nicht begründeten Trennung der Athletik in zwei Sparten hat auch der enorme Leistungsanstieg etwas zu tun. Wie bei allen Rekordverbesserungen beruht die Verblüffung des Publikums im letzten auf einer Täuschung. Die Rekorde von einst waren eben noch keine wirklichen Bestleistungen, sondern nur die ersten tastenden Versuche. Vor allem war das Wissen um das Training noch ganz unzulänglich und gerade hier wurden früher die unglaublichsten Fehler gemacht. Nicht zuletzt spielen auch zeitbedingte falsche Ansichten mit hinein.