Der Jammer, welchen Winterhoff darüber empfindet, daß die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich verkürzt wird, ist nur unter dem Gesichtspunkt zu verstehen, daß er den Verlust privilegierter Gesellschaftsordnung mißbilligt. Wer sich dagegen prinzipiell für eine freiheitliche Gesellschaftsordnung entschieden hat, muß sich auch dafür entscheiden, daß in ihr die Freien die Chance haben, bewußt und wirkungsvoll am sozialen und politischen Prozeß teilzuhaben. Es ist daher höchst wünschenswert, daß der Zeitaufwand zum Erwerb des Lebensunterhaltes ständig verkürzt wird.

Wenn Winterhoff für seinen Zusammenhang meint, Karl Marx sei der konsequenteste und politisch zugleich wirksamste Theoretiker eines sich zwangsläufig vermindernden Arbeitsanfalls gewesen, so ist das eine Vereinfachung, die einer Verfälschung nahekommt. Marx ist als Ökonom, Soziologe und Politiker doch nicht der Mann, der das Problem der Arbeitslosigkeit lösen will. Er will die Frage der Freiheit beantwortet sehen. Dabei ist die Beseitigung von Arbeitslosigkeit eine Unterfrage, aber nicht die Frage. Die Frage ist die Verteilung der Macht, und das ist auch die entscheidende Frage, die sich mit der heraufkommenden Automation verknüpft.

Im zweiten Teil seines Artikels schlägt Winterhoff ein neues Thema an – Berufstätigkeit der Frau. Und da wird nun vollends klar, aus welcher Richtung seine Argumentation kommt. Tatsächlich meint ja Winterhoff: Wie kommen alle diese Leute auf den dummen Einfall, nach einer Gesellschaft der gleichen Chancen zu fragen? – So ist denn für ihn schlechterdings ausgemacht, daß die Berufstätigkeit von Frauen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Arbeitszeitverkürzung steht. Die Frauen gehören seiner Meinung nach in die Küche, ins Haus und in die Kinderstuben, weil die Biologen und die Psychologen ihnen diese Rollen zuerkannt haben.

Das ist wieder reines Vorurteil. Nicht alle Frauen sind verheiratet, nicht alle haben ständig kleine Kinder, nicht alle sind unumstößlich davon überzeugt, daß diejenigen recht haben, die meinen, die Aufgabe der Frau bestünde darin, den häuslichen Herd zu betreuen und die übrigen Geschäfte in der Öffentlichkeit dem Manne zu überlassen. Das steht ja schließlich auch alles in eindeutigem Widerspruch zu unserer freiheitlichen Ordnung, und es steht in Widerspruch zu den Erwartungen von immer mehr Frauen, daß das Zeitalter ihrer Untertänigkeit ebenso als beendet anzusehen sei wie das der Proletarier.

Unterdrückt werden die Frauen ja immer noch, wovon sich jeder überzeugen kann, der sich ein bißchen in der Arbeitswelt umsieht. Generell sind es ja nur die einfacheren Arbeiten und Dienstleistungen, die man den Frauen erlaubt. – Wieso eigentlich? Wieso eigentlich sollen nach Winterhoff die Frauen im Arbeitsleben und in der Welt nicht gleichberechtigt teilhaben dürfen, insbesondere in einer Gesellschaft, die Prärogativen nur noch an diejenigen vergibt, die im Berufsleben eine Rolle spielen.

Schließlich macht sich Winterhoff Gedanken über die Frage, ob denn die Tarifpartner Verträge über Entgelte und Arbeitszeit, über die Verwendung der Zeit, wie er sagt, abschließen dürften. Das, so meint er, sollte zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern individuell ausgehandelt werden.

In dieser Version erweist sich vollkommene Abwesenheit politisch-gesellschaftlicher Vorstellungskategorien. Die industrielle Ordnung läßt individuelle Lösungen der Arbeitszeitfrage aus vielen Gründen nicht zu. Es kann sich nicht der eine für 36, der andere für 40, ein dritter für 45 und wieder ein anderer für 52 Stunden in der Woche engagieren lassen. Produktionsweise und Arbeitsdisziplin lassen das nicht zu.