Von William H. Honan

Das Spielzeug, das liebevolle Eltern ihren Kindern jüngst auf die Gabentische gelegt haben, bestand, man soll sich keinen Illusionen hingeben, zu einem Teil aus Kriegsspielzeug: Maschinengewehren, Pistolen, Nachbildungen von Panzern, U-Booten, Flugzeugträgern und natürlich auch Sanitätswagen des Roten Kreuzes. Viel mehr als hierzulande indessen feierte man anderswo martialische Kinder-Weihnachten, in den USA zum Beispiel, wo der folgende Beitrag vor kurzem in der amerikanischen Wochenzeitschrift „The New Republic“ unter der Überschrift erschien: „Toys, Boys and Christmas.“ Dieser Aufsatz von William H. Honan scheint uns, obwohl er sich in erster Linie mit dem amerikanischen und dem sowjetischen Spielzeugmarkt beschäftigt, auch für den deutschen „Verbraucher“ in der Bundesrepublik interessant zu sein.

Das Geräusch der Schlittenglocken ist diesmal vom Geheul der Raketenwarnsirenen übertönt worden, als Amerikas Jugend sich um den Weihnachtsbaum versammelt und ausgepackt hat. „Das Militär wird den Reigen dieses Jahr anführen!‘ hatte „Toys and Novelties“, das führende Informationsblatt der Spielzeugindustrie, prophezeit. Es stimmte.

Achtundzwanzig amerikanische Hersteller und ein halbes Dutzend Importeure streiten sich um die Beute. Einer der größten aus der ersten Gruppe, die Aurora Plastics Corporation, die im vorletzten Jahr einen Gesamtumsatz von 14 Millionen Dollar erreicht hat, hat im Dezember angekündigt, daß ihre „Produktion von Militär- und Marinematerial sämtliche Bedürfnisse der NATO und darüber hinaus einige mehr befriedigen“ könne. Die Fließbänder bei Aurora in West Hempstead auf Long Island im Staat New York produzierten „mehr Flugzeuge, mehr Schiffe, mehr Tanks als alle Originalfabriken auf der Welt zusammen“, erklärte eine Reklameanzeige der Firma.

Kunden, dieses neuen martialischen Überflusses sind die fast sechzehn Millionen Drei- bis Zehnjährigen in den Vereinigten Staaten, denen die Fernsehreklamesendungen am Sonnabendvormittag – dem schulfreien Tag in der Woche – genau suggeriert haben, was für eine Art von Bewaffnung sie zu Weihnachten wünschen. Diesmal lag die Betonung auf dem Ausbau der nuklearen Kapazität, wenn es auch Handgranaten und Panzerfäuste für die Versessenen des letzten Krieges und „Entgravitatoren“ für alle die gibt, die ihr Augenmerk auf die Zukunft gerichtet haben, dazu weittragende Gewehre mit „Scharfschützenoptik“ – allerdings werden diese wohl für den Rest des Jahres im Hintergrund bleiben.

Für den radikalen, totalen Massentod bietet der Markt nichts Besseres als die neunzig Zentimeter lange, von Batterien betriebene, aus Hartplastic hergestellte „Mächtige Mathilde“, einen Flugzeugträger mit „Atomantrieb“ und einer Besatzung von hundert Mann, zwölf Düsenjägern, neun Bombern, sechzehn Wasser-zu-Luft-Raketen, vier Hubschaubern, zwei Flugzeugfahrstühlen und einer Zugmaschine für 14,95 Dollar von Remco Industries, Inc. Die „Mächtige Mathilde“ kann den Wohnzimmerteppich mit Hilfe unsichtbarer Rädchen umschiffen, ihre Flugzeuge in die Luft katapultieren, ihre Raketen herausfedern lassen, die Fahrstühle heben und senken, ihre Radarantenne kreisen lassen und über eine Nachrichtenanlage ihre Gefechtsstände anrufen.

Auch die Modelleisenbahnen halten sich angesichts der Atom-Hausse auf dem laufenden. Der Lionel-Katalog vom Jahr 1963 führt unter seinem rollenden Material nicht weniger als neun verschiedene Typen Raketen tragender Wagen auf. Einer, ein nett aussehender brauner Güterwagen für 9,95 Dollar, antwortet auf ein Signal, indem er langsam das Dach öffnet, eine Interkontinentalrakete „Minuteman“ in Abschußstellung bringt und dann plötzlich das Geschoß auf ein „Fernbombardement“ schickt.