Am 4. Dezember 1963 überraschte Papst Paul VI. die Welt mit der Nachricht, er gedenke eine Reise ins Heilige Land zu unternehmen. Am 3. Januar 1964, also knapp einen Monat später, landete die DC-8 der Alitalia mit dem Papst und seinem Gefolge auf dem kleinen Flugplatz in Amman.

Kaum je ist ein Entschluß von welthistorischer Bedeutung so unvermittelt, so rasch in die Tat umgesetzt worden. Vielleicht konnte diese Preise auch nur unter solchen Voraussetzungen verwirklicht werden – und wäre bei langer Vorbereitung durch Bedenken der römischen Kurie oder anderer klerikaler Bürokraten vereitelt worden. Daß es sich in der Tat um ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung handelt, kann niemand bezweifeln, der sich vergegenwärtigt, daß seit den Tagen, da Petrus während der Regierungszeit Neros von Jerusalem nach Rom ging, wo er im Jahre 64 den Märtyrertod starb, Paul VI. der erste Papst ist, der von Rom nach Jerusalem reist – zurück nach Jerusalem.

Als Kaiser Theodosius im Jahr 395 starb, zerbrach das römische Reich in ein oströmisches und ein weströmisches. Die Einheit der christlichen Kirche, die mit dem römischen Reich auf sc vielfältige Weise verknüpft war, zunächst blutig bekämpft, dann akzeptiert und schließlich zur Staatsreligion erhoben, war seit dem 5. Jahrhundert bedroht, zerfiel aber erst endgültig im Jahr 1054. Damals, als Papst Leo IX. den östlichen Patriarchen und seine ganze Kirche exkommunizierte, entstanden zwei christliche Kirchen: die westliche lateinische, mit dem Zentrum Rom, und die östliche byzantinische, deren Haupt der Patriarch in Konstantinopel war.

Von den vielen Aspekten dieser Reise erscheint der wichtigste die Kontaktaufnahme des Hauptes der römischen Kirche mit Athenagoras, dem Haupt der orthodoxen Kirche – eine Begegnung, die vielleicht irgendwann einmal zur Wiedervereinigung der seit Jahrhunderten gespaltenen Kirche führen wird.

Merkwürdig, diese vielbeschworene Zeitenwende, in der beide Tendenzen neben- und gegeneinander wirken: die unzulängliche politische Praxis, überall da, wo Anspruch gegen Anspruch steht, kurzerhand zu teilen, Nationen, Staaten, Völker einfach durchzuschneiden, Jerusalem, Berlin, Deutschland, Korea, Vietnam – und daneben diese tiefe geistige Sehnsucht nach Einheit. Nach Vereinigung der Juden, nach Zusammenschluß der Araber, nach Wiedervereinigung der Kirche; immer stärker wird das Gefühl, die Welt müsse doch eigentlich eine Einheit sein.

Noch viel Wasser wird den Jordan und die Elbe hinunterfließen, ehe die Sehnsucht und der Wille, die Welt zu verändern und den geteilten Nationen sowie der gespaltenen Kirche zur Einheit zu verhelfen, auch nur die Chance bekommen, sich durchzusetzen. Jene Reise aber ist, wie kaum ein anderes Ereignis unserer Tage, ein Markstein auf diesem Wege.

Der Nahe Osten, dieses Gebiet, in dem, lange ehe die christliche Kirche existierte, Aufstände, Überfälle, Verschwörungen an der Tagesordnung waren, ist doch zugleich auch ein Beispiel für das untrennbar Miteinanderverwobensein gerade der Völker, die heute zerstritten sind. Viele Stätten, die der Papst sah, sind allen drei Religionen, den Christen, den Juden und den Mohammedanern, gleichermaßen heilig. Da ist die mohammedanische Omar-Moschee in Jerusalem: sie steht dort, wo einst Abraham Isaac opfern wollte und wo später der Opferaltar des jüdischen Tempels stand – den Christen aber ist die Stätte heilig, weil Petrus dort zum erstenmal gepredigt hat.

Der Pontifex Maximus hat keinen Vertreter. Dort, wo der Papst ist, da ist die Kirche. Mochte es bisher manchmal scheinen, die römische Kirche sei sozusagen in Rom eingemauert, so ist in diesen Tagen deutlich geworden, wie viele Wege aus Rom herausführen. Dff