Polens Außenminister steckt zurück

Von Hansjakob Stehle

In der Klausur einer komfortablen Jagdhütte in den masurischen Wäldern diskutierten Chrutschtschow und sein polnischer Gastgeber Gomulka. Es geht dem Ostblock jetzt darum, gemeinsame Initiativen zu entfalten, um nicht von der amerikanischen Führungsmacht des Westens „friedensstrategisch“ überspielt zu werden.

Die Zeiten, da ein sowjetischer Parteichef die Seinen nach Moskau rief, um die Order auszugeben, sind vorüber. Auch freundschaftliche Sympathie, wie sie Chruschtschow und Gomulka verbindet, läßt allein Meinungsnuancen und Eigeninteressen noch nicht verschwinden. In Polen beobachtete man zum Beispiel mit gemischten Gefühlen, wie die sowjetische Europapolitik seit einiger Zeit auf der Stelle tritt, weil sich der Kreml, zum Mißbehagen Gomulkas, mehr mit dem chinesischen Zankapfel beschäftigt.

Verpaßte Gelegenheit

Kurz vor dem Jahreswechsel benutzte Gomulka die Einweihung des polnischen Abschnitts der osteuropäischen Pipeline in Plock, um ungeduldig den „Aufschub von Entscheidungen“ zu beklagen: „Solche Vertagung internationaler Lösungen, womit auch immer man sie zu begründen sich bemüht, kann nicht dem Frieden dienen.“ Gemeint war vor allem die Deutschlandfrage, und nicht von ungefähr schloß sich wenige Tage später Ulbricht an: „Es wäre – so meine ich auch – unvernünftig und gefährlich, die Lösung dieses Problems immer wieder hinauszuschieben.“

Was dem DDR-Beherrscher dringlich erscheint, weil er gerade seinen „Schutzwall“ mit Passierschein-Kompromissen durchlöchern mußte, empfiehlt sich Gomulka noch aus anderen Gründen. Die vor über fünf Jahren von Chruschtschow heraufbeschworene, immer wieder vertagte Berlin-Krise (mit allem, was zu ihr gehört) hatte im November 1958 eine polnische Idee abgewürgt, von der man sich in Warschau mehr als nur ein Abrüstungsexempel in Mitteleuropa versprochen hatte. Es war der Plan einer atomwaffenfreien Zone, den Außenminister Rapacki wenige Tage vor Chruschtschows Berlin-Ultimatum damals zu detaillieren versuchte und der in den folgenden Jahren aufs Eis des kalten Krieges gelegt wurde.