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Sonnabend, 4. Januar, das Hörspiel:

Stefan Zweigs gleichnamige Erzählung bereitete Klaus L. Graeupner als Hörspiel zu. Zweig schrieb die Schachnovelle spät – in der Emigration, wo er bekanntlich selbst seinem Leben ein Ende machte. Sie enthält die bittere Erfahrung, daß ein Mensch, den die Gestapo in ihren unmenschlichen Händen gehabt hat, zerbrochen bleibt, sei er auch mit heilen Gliedern entkommen.

Die Hauptfigur, der von der Gestapo in ihrer „angenehmsten Art von Gefängnis“ (einem Hotelzimmer) psychisch mißhandelte Dr. Blatt ist sicherlich Zweig selbst. Schon der beziehungsvoll gewählte Name spricht dafür, Dr. Blatt bringt bei einem Verhör ein Buch an sich, ein Buch zufällig, in dem nur Schachpartien beschrieben sind, immer neue Schachpartien. Der Häftling klammert sich an dieses Spiel, um seelisch zu überleben. Seine eigene Person teilt er in Schwarz und Weiß, die gegeneinander spielen.

Das ist Vergangenheit. In der Gegenwart erscheinender Rahmen ist die Begegnung des ehemaligen Gefangenen mit einem Schachweltmeister während einer Schiffsreise. Beim Schachspiel mit dem Meister, den er anfangs sogar zu schlagen vermag, wird offenbar: Was ihn damals zu retten schien, hat ihn tatsächlich zerstört. Der Wahn, gegen sich selbst zu kämpfen, die Aufteilung seiner selbst, sie sind nicht wieder loszuwerden. Nicht wieder zu erreichen ist das Gegenüber zu einem anderen Menschen, der Kontakt, das normale Bewußtsein. Die Schreckenszeit, fixiert an das Schachspiel, ist für Dr. Blatt nur äußerlich vorüber, in ihm ist sie geblieben.

Ein psychologisch fast lehrbuchhaft genau geschilderten Zustand. Graeupner hat die Zweigsche Prosa weitgehend unangetastet gelassen. Die kleinen Szenen des Hörspiels sind still und beinahe wortkarg. Eine gute Lösung, unterstützt durch sparsame Anwendung von Geräusch in dieser wirkungsvollen Produktion des Hessischen Rundfunks. (Regie Werner Hausmann.) R. H.