Von Karl Wittlinger

Kammerspiel der Städtischen Bühnen Frankfurt/M.

Wittlinger ist ein Talent. Er hat eine leichte Hand, will aber mehr als Boulevardtheater geben. Wittlinger ist ein deutscher Autor, der sogar Erfolg hat. Nach dem Bühnenrekord „Kennen Sie die Milchstraße?“ errang sein Fernsehfilm „Seelenwanderung“ 1962 den begehrten Prix Italia. Der Frankfurter Chefdramaturg Dr. Krapp war es, der Karl Wittlinger überredete, aus diesem Film doch noch ein Bühnenstück zu machen. Das sollte die „Seelenwanderung“, gesteht der Autor, „ursprünglich ja werden, es erschien mir aber damals so schwierig und riskant“. Mit dem Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen wurde das dritte neue Haus der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main eröffnet: das „Kammerspiel“ für literarische Gourmets. Anderswo würde man das angenehm sachliche Kellertheater „Werkstatt“ nennen.

Der Film Wittlingers stellte eine Parabel dar. Zwei arme Schlucker – Axel und Bum – palavern bei einer Molle über ihre miese Lage. Um mit „Verstand“, den Bum besitzt, hochzukommen, müßte man die „Seele“ loswerden. Axel animiert Bum, seine Seele in einen Schuhkarton zu denken. Als sie drin ist – schwupp – Deckel drauf. Axel kriegt in der Pfandleihe fünf Mark dafür, gibt sie Bum, und der steilt hoch in eine Wirtschaftswunderkarriere. Schrotthandel, Fabrikant, Frauen, großes Tier von öffentlichem Ansehen mit unentwegt „großen Bahnhöfen“, schließlich Herzinfarkt. Köstlich märchenhaft ist die Situation des Toten: Im grauen anstatt im schwarzen Frack steht Bum, von Gott vergessen, nur dumm herum – bis Axel den Schuhkarton mit der Seele, als Himmels- oder Höllenschlüssel, wieder auftreibt. Er war schon im Müll gelandet.

Im Film ließen sich auf den Pa0rabelfeder „Perlen“ deutscher Wirklichkeit aufreihen, es zeigte sich der sausende Webstuhl unserer Zeit. Um auch im Theater Symbolik zu erzeugen, richtete Wittlinger die Bühne als ein Pfandhaus ein: die ganze Welt ein Leihaus, „Welttheater“. Das Resümee von Bums Lebensabschnitten wurde jeweils einem Moritatensänger übertragen. Dadurch gerieten Wittlinger in Brecht- und Winfried Zillig mit der Musik zu den Songs in Weill-Nähe. Trotz des Abstands von den Vorbildern ist die Moritat zur neuen Basis für das Theaterstück „Seelenwanderung“ geworden. Sie wirkt trigfähig genug, könnte vielleicht noch ein wenig ausgebaut werden, um Wittlingers zweite Zu:at entbehrlich zu machen: einen kommentierenden Erzähler, der manchmal auch ein Röllchen mitspielt. Dieser „Direktor“ zerredet alles. In Frankfurt mühte sich Hannsgeorg Laubenthal um den ärgerlichen Conférencier. Armer Laubenthal!

Die Uraufführung unter Ulrich Erfurths Regie hatte Studiocharakter. Was dem Autor noch nicht gelungen ist, ließ der Regisseur unkaschiert sichtbar werden: zum Beispiel die beiden „Gattinnen“-Wurzen. (Frauen „kann“ Wittlinger immer noch nicht.) Aber Axel und Bum wurden in Joachim Teeges und Hans Kortes Spiel scharf konturiertes, anrührendes Theater. Auch den Leierkastenmann (Lothar Ostermann) zeichnete das Publikum betont aus. Im ganzen aber: der Autor muß nochmals an den Schreibtisch. Nach dem Frankfurter Experiment ist der „Seelenwanderung“ dritte Fassung fällig geworden.

Johannes Jacobi