Von Marcel

Die meisten im vergangenen Jahr erschienenen Romane deutschsprachiger Autoren der jüngeren und mittleren Generation sind Ich-Erzählungen. Das trifft auf die neuen Bücher von Böll, Grass und Lenz ebenso zu wie auf die Erstlinge von Thomas Bernhard, Peter Faecke, Hermann Moers und Paul Nizon. Das gilt für die epischen Versuche von Schweizern (wie etwa Jürg Federspiel) und Österreichern (wie etwa Peter von Tramin) ebenso wie für diejenigen der Schriftsteller aus der Bundesrepublik (wie etwa Ernst Augustin). Die Elbe scheidet die Geister in dieser Hinsicht nicht: Die wichtigsten 1963 in der DDR veröffentlichten Romane („Der geteilte Himmel“ der Christa Wolf und Manfred Bielers „Bonifaz“) sind ebenfalls Ich-Erzählungen.

Es bestehe jedoch, könnte man sogleich einwenden, kein Anlaß, verwundert zu sein. Schließlich seien ja fast alle bedeutenden deutschen Romane der fünfziger Jahre – von dem „Erwählten“ und dem „Felix Krull“ über den „Stiller“ und den „Homo Faber“ bis zur „Blechtrommel“ – auch Ich-Erzählungen gewesen. Mithin hätten wir es im Jahre 1963 lediglich mit der Intensivierung und Steigerung einer längst sichtbaren Vorliebe deutscher (und natürlich nicht nur deutscher) Schriftsteller zu tun.

Ist das richtig? Handelt es sich wirklich um eine begründete Vorliebe? Oder vielleicht um eine bedenkliche Mode?

Der Romancier des neunzehnten Jahrhunderts habe sich, heißt es, göttliche Attribute zuerkannt. Ein Weltschöpfer wollte er in der Tat sein. Er glaubte, die ganze Szene überblicken zu müssen und überblicken zu können. Er bildete sich ein, frei über seine Figuren verfügen zu dürfen. Er maßte sich an, alle ihre Taten und Empfindungen zu kennen, alle ihre Gedanken zu durchschauen. Und ob er wie ein Gott waltete oder nicht – sicher ist, daß er das Dasein für erkennbar hielt. Und das Erkennbare für erzählbar.

Diese Überzeugung geht dem modernen Romancier ab. Balzac, Tolstoj und Fontane verwandelten das Leben in deutliche und übersichtliche epische Landschaften. Proust, Kafka und Joyce, André Gide, Virginia Woolf und Faulkner hielten es hingegen für ihre künstlerische Pflicht, epische Landschaften zu entwerfen, die der Undeutlichkeit und der Unverständlichkeit des Lebens gerecht werden sollten. Die einen beweisen, daß sich alles darstellen und daher auch deuten läßt. Die anderen zeigen, daß sich vieles nicht darstellen und kaum ahnen läßt. Die einen lösen Gleichungen auf, die anderen demonstrieren, daß die Gleichungen nicht aufgehen. Balzac war ein göttlicher Optimist. Wer wäre kühn genug, dies Joyce nachzusagen? Tolstoj richtete sein Wort an die ganze Menschheit. Kafka wollte seine Hauptwerke nicht einmal drucken lassen.

Dem gewandelten Verhältnis zum Leben entspricht die gewandelte Perspektive. Dem modernen Erzähler, der sich der Grenzen seiner Möglichkeiten bewußt wird, muß die souveräne Manier des allgegenwärtigen und allwissenden, allumfassenden und allmächtigen Autors fragwürdig und verdächtig, wenn nicht gar lächerlich und verlogen erscheinen. In der Omnipräsenz und der Omnipotenz, die seine klassischen Vorgänger für ihre selbstverständlichen Privilegien erachteten, sieht er nicht mehr als eine veraltete, etwas rührende Konvention und eine heute nicht mehr erträgliche Fiktion. Er verzichtet freiwillig auf eine Macht, die, wie er meint, auf einem leichtsinnigen und naiven Trugschluß beruhte.