Wenn die Firmen keine Bilanzen zeigen wollen...

Auf der traditionellen Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns in Hamburg unternahm Bankier Hans Rudolph Freiherr von Schröder, Präses der Handelskammer Hamburg, wie üblich einen Streifzug durch die aktuellen Probleme der hamburgischen, deutschen und europäischen Wirtschaftspolitik. Bei seinen Zuhörern hinterließ er keinen Zweifel, daß der hanseatische Kaufmann mit viel Unbehagen die deutsche und westliche Entwicklungspolitik verfolgt. Da man in Hamburg mit Sicherheit die Verhältnisse in den Entwicklungsländern auf Grund jahrzehntelanger Handelserfahrungen besser kennt als Bonner Gelegenheitsbesucher, weiß man auch von zahlreichen Fehlleitungen der Entwicklungsgelder und von dem geschickten Ausspielen von West gegen Ost durch deren farbige Politiker. Von Schröder forderte einen realistischen Kurs in der Entwicklungshilfe und riet dazu, dem Osten dort die Initiative zu überlassen, wo er dazu benutzt wird, seine Angebote denen des Westens gegenüberzustellen. Von Schröder ist davon überzeugt, daß der Osten kapitalmäßig gar nicht in der Lage ist, seinen zahlreichen Hilfsangeboten in Übersee nachzukommen.

Doch die Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns blickte nicht nur nach außen. Es wurde auch vor der eigenen Tür gefegt, als der Hamburger Bankier auf die Zahlungseinstellungen im vergangenen Jahr zu sprechen kam, die besonders im Ausland zu einer nicht zu übersehenden Beunruhigung geführt hatten. Der Redner fand, daß die Kritik einen Hauptansatzpunkt in der „sogenannten mangelnden Publizität“ fand und diese wiederum darauf zurückzuführen sei, daß bei uns große Unternehmen in der Form von Personalgesellschaften betrieben werden.

„Meines Erachtens“, so sagte von Schröder, „hat diese Tatsache ihren Grund nicht zuletzt in der gesetzgeberischen Diskriminierung der Aktiengesellschaft, besonders auf steuerlichem Gebiet! Man sollte aber andererseits auch nicht in der Veröffentlichung von Bilanzziffern ein Allheilmittel gegen Zusammenbrüche von Unternehmen sehen. Man läuft meines Erachtens Gefahr, den Aussagewert veröffentlichter Bilanzen, deren Beurteilung sowieso schwierig ist, zu überschätzen. Viel bedeutsamer scheint es mir zu sein, daß die großen Unternehmen sich selber völlig im klaren über ihre Situation sein sollten. Dazu benötigen sie die Kritik unabhängiger Prüfer. Das würde zugleich den kreditgebenden Banken eine bessere Möglichkeit geben, sich laufend über die Situation ihrer Kunden zu orientieren. Wenn bei manchen Kreditnehmern insoweit falscher Stolz und eine fast schon auf Tradition fußende Zurückhaltung anzutreffen ist, so meine ich, daß eine solche Einstellung über den heutigen Verhältnissen nicht mehr vertretbar ist. Alle diese Dinge fallen jedoch in den Bereich der unternehmerischen Entscheidung, und man sollte nicht den Versuch machen, sie gesetzlich zu regeln!“

Mit von Schröder übereinstimmend ist zu sagen, daß selbstverständlich eine vermehrte Publizität keinen hundertprozentigen Schutz gegen Insolvenzen bietet. Aber die jährliche Offenlegung von Bilanzen zwingt die jeweils Verantwortlichen dazu, nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit und damit sich selbst Rechenschaft abzulegen, sondern sich auch der öffentlichen Kritik zu stellen. Die vielfach aufgestellte Behauptung, daß – wenn z. B. Schlieker, Borgward und die beiden Stinnes-Gesellschaften zur Publizität gezwungen gewesen wären – sie niemals hätten am Abgrund zu wandeln brauchen, ist doch nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen.

Ob nun allerdings an der mangelnden Publizität unbedingt die steuerliche Diskriminierung der Aktiengesellschaft eine Schuld trägt, scheint deshalb nicht schlüssig zu sein, weil es ja auch Personalgesellschaften keineswegs verwehrt ist, ihre Bilanzen zu veröffentlichen. Große – nicht in Form einer AG geführte – Unternehmen machen seit Jahren mit Erfolg und ohne geschäftliche Nachteile für sich davon Gebrauch. In diesem Falle scheint die Steuergesetzgebung nicht das Sündenschaf zu sein!

Umstritten ist dagegen die Frage, ob künftig große Unternehmen zur Publizität gesetzlich gezwungen werden sollten oder nicht. Wenn man an die Folgen für die gesamte deutsche Wirtschaft denkt, die beispielsweise aus den Stinnes-Insolvenzen entstanden sind, und wenn man sich ausmalt, was daraus hätte noch alles entstehen können, so wird man wirklich zu prüfen haben, ob man die Bilanzveröffentlichung von Personengesellschaften ab einer noch festzulegenden Größenordnung allein der unternehmerischen Entscheidung überlassen darf.