Von Thilo Koch

Washington, im Januar

Der Harvard-Professor im Texashut – es war ein nachdenklich stimmender Anblick. „Ich hab’ meinen alten verloren“, antwortete McGeorge Bundy lachend auf meine Frage, „der Präsident schenkte mir diesen.“

Über der hellen Hornbrille des Sicherheitsberaters im Weißen Haus sah der seidengraue Filz gar nicht übel aus, und die flinken, scharfen blauen Augen Professor Bundys blitzten amüsiert und aufmerksam wie eh und je. Es war in Fredericksburg, der deutsch-sprechenden Stadt in Texas, wenige Meilen von der LBJ-Ranch entfernt, als Bundeskanzler Erhard an der Seite Präsident Johnsons zum Sonntagsgottesdienst ging. Später bekamen alle aus der Hand Lyndon Johnsons beim Texas-Barbeque seidengraue „Zehn-Gallonen-Hüte“. Am smartesten sah Staatssekretär Westrick darin aus.

Der Wandel vom Kennedy-Look zum LBJtreatment wurde inzwischen zum täglichen Gesprächsthema in Washington. Der Harvard-Akzent, die Bostoner Note, weicht Woche um Woche, Zug um Zug dem breit-biederen Texas-Jargon, der behäbig-listigen Freundlichkeit aus dem wilden Westen. Nicht nur Professor Bundy hat seinen alten Hut verloren und einen neuen aufgesetzt bekommen. Pierre Salinger, ein unveräußerliches Hausfaktotum des Kennedy-Stabes, hat entgegen vielen Voraussagen nicht nur die einflußreiche Position des Pressechefs behauptet – der neue Präsident zeichnete beim Erhard-Barbeque niemanden drastischer aus als „Zigarren-Pierre“: „Ich wüßte nicht, was ich ohne Pierre tun sollte.“

Pierre indessen, das merkt man nach drei Jahren, ist nicht ganz so simpel und rauh, wie seine Stimme, seine Ausdrucksweise, seine hemdsärmeligen Umgangsformen vermuten lassen. War er wirklich nur geehrt durch Lyndon Johnsons gutgelaunte Aufforderung, ein bißchen was auf dem Klavier zum Besten zu geben, während der Präsident unermüdlich die richtige Hutgröße für immer neue deutsche Köpfe heraussuchte? Recht vieldeutig bemerkte Mr. Salinger: „Ich spiele eine eigene Komposition.“ Und als er das seltsam weiche und melancholische Stück hinter sich gebracht hatte, fügte er unerwartet schüchtern hinzu: „Das war nur der erste Satz.“

Unter den Johnson-Leuten gibt es einen presseerfahrenen Mann mit Namen George B. Reedy. Er gilt als genauso clever wie Pierre Salinger – und als umgänglicher. Aber Reedy bekam bisher keinerlei klare Funktion im Johnson-Stab und behielt sein Büro in der Vizepräsidenten-Suite im Bürogebäude neben dem Weißen Haus. Er arbeitet eifrig für Lyndon Johnson, aber Pressechef wird mit größter Wahrscheinlichkeit bis zur Präsidentenwahl im Herbst dieses Jahres der kampferprobte Pierre bleiben. Der neue Präsident denkt hier ebenso wie bei vielen anderen seiner Entscheidungen an den Wahlkampf. Salinger war ein Motor in der „Öffentlichkeitsarbeit“ für den Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy.