Hans-Günther Sohl hat sein Ziel erreicht: von Februar an wird der Vorstandsvorsitzende der August Thyssen-Hütte AG Chef des größten Stahlkonzerns in der Bundesrepublik sein. Thyssen wird im Lauf der nächsten Wochen die Aktienmehrheit der Phoenix-Rheinrohr AG übernehmen. Dadurch entsteht in der Bundesrepublik endlich ein Stahlkonzern, der internationalen Vergleichen standhält. Die Werke der Thyssen-Gruppe haben im letzten Jahr 7,1 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt, sie verfügen über eine Kapazität von acht Millionen Tonnen.

Der Zusammenschluß innerhalb des Thyssen-Bereichs ist seit Jahren daran gescheitert, daß man bei der Hohen Behörde in Luxemburg (und anderswo) Angst vor einer angeblichen „Marktbeherrschung“ hatte. Dabei ist diese Befürchtung völlig unberechtigt. Die Thyssen-Gruppe erreicht an der Stahlproduktion des Gemeinsamen Marktes nur einen Anteil von rund zehn Prozent. Sie wird an Größe sogar noch von dem italienischen Staatskonzern Finsider übertroffen, dessen Rohstahlkapazität bis 1965 auf 9,5 Millionen Tonnen ausgebaut werden soll.

Noch deutlicher zeigt ein internationaler Vergleich, wie weit unsere Stahlindustrie (und nicht nur die Stahlindustrie) in der Konzentration zurückhinkt. Sämtliche Werke der Thyssen-Gruppe zusammen haben im letzten Jahr gerade soviel Rohstahl erzeugt wie das größte Einzelstahlwerk der Sowjetunion, das Hüttenkombinat Magnitogorsk. Und der größte Stahlkonzern der USA, United States Steel, produziert mehr Stahl als alle deutschen und belgischen Unternehmen zusammen. Im Ausland hat man längst erkannt, daß die hohen Kapitalinvestitionen und der rasche technische Fortschritt die Bildung von großen Unternehmen erzwingt.

Bei Thyssen erwartet man denn auch von dem Zusammenschluß eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit des Gesamtunternehmens. Sowohl Thyssen als auch Phoenix-Rheinrohr sind vorwiegend in der Stahlproduktion, weniger in der Weiterverarbeitung tätig. Beide Unternehmen haben deshalb unter der Absatzflaute und den Erlösrückgängen am Stahlmarkt gelitten. An der Börse rechnet man damit, daß die Dividende sowohl bei Thyssen wie bei Phoenix von 12 auf 10 Prozent gesenkt wird. Der Zusammenschluß soll nun die Rationalisierungsmöglichkeiten erhöhen und die Krisenfestigkeit des Konzerns stärken.

Thyssen galt schon bisher als eines der modernsten und rationell arbeitenden europäischen Stahlwerke, das auch bei geringerer Auslastung seiner Kapazität noch rentabel arbeitet. Bei Phoenix-Rheinrohr lagen die Verhältnisse nicht so günstig.

Der neue Thyssen-Konzern, der nun in den nächsten Wochen entstehen wird, ändert die Rangfolge unter den deutschen Großunternehmen. Die Thyssen-Gruppe hat im letzten Geschäftsjahr einen Fremdumsatz von rund 5 Milliarden Mark erzielt, wenn man den anteiligen Umsatz der Handelsunion hinzurechnet, von der Thyssen die Aktienmehrheit besitzt. Damit hat das Unternehmen in der Umsatzgröße nicht nur Mannesmann und Rheinstahl, sondern auch Krupp überrundet. Nach dem Volkswagenwerk (6,7 Milliarden Mark Jahresumsatz 1963) und dem Haus Siemens (5,6 Milliarden Mark) steht nun Thyssen an dritter Stelle unter den umsatzstärksten Industrieunternehmen der Bundesrepublik. Es folgen die Daimler-Gruppe (rund 4,8 Milliarden Mark), der Chemiekonzern Beyer (rund 4,4 Milliarden Mark) und schließlich an sechster Stelle Krupp mit einem gegenüber dem Vorjahr wohl wenig veränderten Umsatz (rund 4,1 bis 4,2 Milliarden Mark).

Das drittgrößte Unternehmen der Bundesrepublik, auch das ist erfreulich am Thyssen-Zusammenschluß, wird eine Publikumsgesellschaft sein. Auf die Dauer werden nicht mehr die Erbinnen von Fritz Thyssen die Kapitalmehrheit des Konzerns besitzen, sondern über 100 000 Aktionäre.

Der Besitzwechsel erfolgt stufenweise. Zunächst wird Amelie Thyssen ihre Phoenix-Aktien im Nennwert von 144 Millionen Mark im Tausch gegen Thyssen-Aktien an die August Thyssen-Hütte übertragen. Dann werden Amelie Thyssen und Gräfin Anita Zichy zusammen rund 52 Prozent des Thyssen-Kapitals besitzen. Davon gehen jedoch Aktien im Nennwert von 100 Millionen Mark in das Eigentum der Thyssen-Stiftung über, so daß der Anteil der Thyssen-Erbinnen auf rund 40 Prozent fällt. Später soll dann auch noch an die freien Aktionäre von Phoenix-Rheinrohr das Angebot ergehen, ihre Aktien gegen Thyssen-Aktien umzutauschen. Am Schluß der gesamten Aktion wären dann die Erbinnen von Fritz Thyssen wohl nur noch mit knapp einem Drittel am Aktienkapital des größten Stahlkonzerns der Bundesrepublik beteiligt, st.