In Saarbrücken schweigen die Musen. Von Kunst und Künstlern nannte sich ein kultureller Jahresrückblick des Saarländischen Rundfunks, der fünfundfünfzig Minuten lang demonstrierte, wie man eine solche Sendung nicht machen soll. Statt abzuwarten, um auch die Dezemberaktualitäten berücksichtigen zu können, hatte man den Streifen bereits im November zusammengestoppelt (Hindemith und Zillig starben folglich zu spät; das neue Frankfurter Haus wurde nicht zeitig genug eingeweiht); statt sachlich zu informieren, beschränkten sich die Architektur- und Malerei-Referenten auf eine Anhäufung von Platitüden und Phrasen, die heute keine Obertertia einem Mittelschüler durchgehen ließe.

Man höre und staune: „Architektur formt die Umwelt, in der wir leben“, „der Gedanke des differenzierten Wohnens spielt fort“, „die Berliner Volksbühne lebt aus dem Kontrast von innen und außen“, „in der Philharmonie lauschen Sie Musik aus des Baumeisters Hand“, „ein Kunstwerk ist das Ergebnis einer schöpferischen Tätigkeit“, „Hoffnung ist das Leuchten der Bilder um uns“ ... so ungeniert und munter parlierte man im Saarbrückener Musentempel drauflos; Beckmann hielt die Menschlichkeit hoch, wie eine Standarte wohlgemerkt, Literatur und Musik bedeuteten Welt; die Übergänge waren Maxens, des Standartenführers, würdig: Während Ernst, so vernahm man, noch schafft, ist Schwitters schon 1949 gestorben.

Auch Henning Rischbieter, fürs Theater zuständig, hat (es muß gesagt sein) schon bessere Tage gesehen; vom Glanz seines Gründgens-Porträts war wenig zu spüren, und so turnte er denn mühsam von einer Premiere zur nächsten – „so verspielt sich A. gibt, so verbissen ist sein amerikanischer Kollege B.“. Die Methode schlechter Schulliteraturgeschichten, sich mit Hilfe von Eselsbrücken weiterzuhangeln, feierte wahre Triumphe: Aus Ostpreußen stammt auch, Balladen schreibt gleichfalls, jung verstorben ist des weiteren...

Gottlob, daß inmitten der Faselei von all den „großen, endgültigen Themen“ auch ein nüchterner Musikbericht Platz fand (vom entfetteten Wagner wollen wir schweigen); gottlob, daß Reich-Ranicki, er zumindest, die Würde des Kritikers wahrte. Acht Minuten lang sah sich der Betrachter exakt informiert; eigene Meinung wurde der communis opinio gegenübergestellt; die Wortwahl verriet, welche Bücher der Autor studiert, welche er gelesen und welche er sich geschenkt hatte; auch an Ironie fehlte es nicht. Nach längerem Verweilen bei der Bücher-Trias dreier renommierter Autoren sprach Reich-Ranicki, in einem listig-leisen Nebensatz, zugleich das Urteil über die Saarbrückener Sendung: Künstlerisches Gelingen wird man ihr nicht nachsagen dürfen...

Etwas weniger Aufwand, weniger Photos und weniger Zwei-Minuten-Szenen; statt dessen eine live-Sendung mit vier Männern, die ihr Handwerk verstehen und sich ausdrücken können ... und alles wäre in Ordnung gewesen. So wie’s gelaufen ist, bleibt nur der Trost, daß es von nun an nicht mehr weiter abwärts gehen kann: Am 1. Januar die schlechteste Sendung des Jahres zu antizipieren – auch das kann schließlich ein Regietrick sein. Freilich verstand ich nicht, warum die Sprecherin am Schluß ausgerechnet für die Qualität der Bilder um Entschuldigung bat.

Das Bild, als einziges, war klar und scharf. Momos