Das literarische Tagebuch ist eine bedenkliche Gattung. Aber sind nicht die meisten der überlieferten Genres heute durch einen fatalen Hang gekennzeichnet, ästhetische Ehen mit „artfremden“ Gattungen eingehen zu wollen? Lyrische Dramen schrieb man bereits um die Jahrhundertwende; später kam das epische Theater auf; die Tragikomödie erschien plötzlich als Übergipfelung der einstmals streng getrennten Bereiche von Tragik und Komik; Hofmannsthal nannte den „Rosenkavalier“ eine „Komödie für Musik“, und von den dramatisierten Romanen der Weltliteratur, den Iwan Karamasow oder Lucien de Rubempre der Schaubühne, wollen wir gar nicht reden.

Gewiß, mit ästhetischem Purismus hielt sich auch die Antike nicht sehr auf; Tragikomödien schrieb bereits Shakespeare; Schiller und Goethe meditierten über die Zwischenstufen der epischen und dramatischen Dichtung. Aber der heutige Gattungswirrwarr bedeutet trotzdem einen neuen Zustand, da er nicht mehr bloß, wie noch im neunzehnten Jahrhundert, literarische Grenzüberschreitungen zuläßt, sondern die einstigen Gattungsgrenzen selbst in Frage gestellt hat. Was Wunder also, wenn auch das literarische Tagebuch von heute eigentlich gar kein Tagebuch mehr ist.

Eine scheusälige Neuprägung unserer Zeitungssprache hat den Begriff der Intimsphäre geschaffen: Er verrät in Wirklichkeit, daß für Leute, von denen die Zeitungen zu schreiben pflegen (eigentlich auch für alle übrigen!), der unantastbare Lebensbereich des Privaten längst nicht mehr besteht: Die publizistische Grenzziehung: hie öffentliches Dasein – hie Intimsphäre, hat eben dadurch auch die Privatsphäre eingemeindet.

Was Wunder also, wenn auch das Tagebuch heute nicht mehr, wie noch zu Zeiten Leopardis oder des Genfers Amiel, wirklich ein „Journal intime zu sein vermag. Überdies gibt es Gesellschaftsordnungen, wo sich das Schreiben intimer Tagebücher schon deshalb nicht empfiehlt, weil Gefahr der Selbstbezichtigung besteht. Menschen wurden verurteilt, weil das eigene Tagebuch gegen sie ausgesagt hatte.

Man mißtraue daher den intimen Tagebüchern von Leuten, die von Amts wegen und aus Neigung mit öffentlichen Dingen befaßt sind. Bestenfalls entsteht bei ihnen ein Nachlaß zu Lebzeiten. Meist allerdings hat man Eile. Dann wird das Tagebuch sogleich für den Druck vorbereitet. André Gide führte sechzig Jahre lang – von 1889 bis 1949 – ein Journal, und es gibt Kritiker, die in diesen Tagebüchern die eigentliche literarische Leistung des Immoralisten erblicken möchten; allein dies – großartige – Erzeugnis der Scham und der Schminke offenbart doch vor allem den Abstand zwischen einer geheimen Zwiesprache des Schreibers mit sich selbst, einem echt monologischen Tagebuch – und dieser hybriden Mischung aus stilisierter Aufrichtigkeit und künstlich privatisierter Literatur.

Mit dem Briefeschreiben steht es heutzutage nicht anders. Hermann Hesse schrieb jahrzehntelang von Montagnola aus viele Briefe, die von vornherein für einen künftigen Briefband konzipiert worden waren, weshalb der Dichter des „Glasperlenspiels“ keine Bedenken trug, die wichtigsten Schreiben noch selbst in Druck zu geben. Auch hier war die Grenze zwischen intimer Mitteilung und Literaturschöpfung vom Briefschreiber bewußt verwischt worden. Viele Briefe Thomas Manns halten es ähnlich.

Wer ein Büchertagebuch führt und als solches publiziert, ist wenigstens insofern aufrichtig, als er sich wenig um private Aufrichtigkeiten kümmert. Er schreibt als Literat über Literatur. Dadurch vermeidet er zwar die Schwankungen zwischen privatem Bekenntnis und schriftstellerischer Aktion, zwischen Monolog und Dialog, gerät aber in neue Fragwürdigkeiten durch die Gattungsgesetzlichkeit der gewählten literarischen Form. Ein literarisches Journal ist weder Kritik noch Rezension. Es notiert Gedanken, Einfälle, Einwände beim Kontakt mit Büchern, ohne die Verantwortung des Kritikers zu tragen, der begründen und sich den Gegenkritikern stellen muß. Alles wird dann bloße Selbstverständigung. Selbstverständigung? Wenn man von vornherein gewillt ist, dies schlampige Erzeugnis aus Impression und Rezension drucken zu lassen? Soviel zur Rechtfertigung unseres Büchertagebuches.