Im Lande des Maines heißt das Stoßgebet: „Herr, gib uns zu trinken!“ Es mag zwar um eine beträchtliche Nuance vom theologischen Reglement abweichen; in einer Landschaft aber, wo ein Heiliger Beschützer der Winzer ist, muß es gestattet sein, nicht nur für eine gute Weinernte, sondern auch für ihren Konsum zu beten.

In der Verkleidung einer mittelalterlichen Pilgerflasche kommt der Frankenwein auf den Tisch und heißt doch – Bocksbeutel (nach der Flasche). Er ist der einzige Wein, der den Namen der Flasche auch als Etikett für den Wein benutzt. Über die Form der Flasche macht sich jeder seine eigenen Gedanken. Doch gebietet die Lehre von der wahren Bedeutung der Wörter, daß „Bocksbeutel“ nicht heidnisch-animalischen, sondern christlich-gelehrsamen Ursprungs ist. Man nehme im Würzburger Bürgerspital den Inhalt eines Bocksbeutels zu sich, um das Geheimnis von der Etymologie des Bocksbeutels zu erfahren.

Lassen wir den „Booksbüdel“ als „Buchbeutel“ den strengen Ratsherren aus Hamburg für ihre Statuten und den frommen Hanseatinnen für ihre Gesangbücher, Wer Frankenwein trinkt, sollte Scholarenlieder singen, an Eichendorff denken, die Minne des Walther von der Vogelweide nicht vergessen (er liegt in Würzburg begraben) und sich vornehmen, wieder einmal Orffs „Carmina Burana“ zu hören. „Kirchenlieder oder Pangesänge?“ – beim Frankenwein keine Frage.

Die Franken wußten und wissen, daß ihre Weine nicht nur Elixiere für Geist und Körper sind, sondern auch eine Kapitalanlage – und eine sehr wertbeständige dazu. „Juliusspital“ und „Bürgerspital zum Heiligen Geist“ zehren noch heute von den kostbaren Weinbergdotationen ihrer Stifter. Wer Weinberge stiftet, macht die Seligkeit des Weines und des Himmels zu Nachbarn.

Wer Frankenwein trinkt, mag den Himmel offen sehen, aber er bleibt doch ganz und gar auf der Erde, denn der fränkische verleugnet in Bukett, Geschmack und Wirkung nie seine sinnenfrohe Erdhaftigkeit. Würzig, kräftig, kernig, das sind seine sehr diesseitigen Attribute. Wie der badische bevorzugt der Bocksbeutelwein die Silvanerrebe, ohne auf den bunten Strauß der anderen zu verzichten.

In Würzburg hatte auch einst Florian Geyer sein Hauptquartier unter der Fahne des Bundschuhs, um mit dem „hellen Haufen“ des Georg Metzler die Feste Marienberg zu berennen. Bei diesem revolutionären Vorhaben wird der Leisten- und Steinwein nicht unerheblich mit im Spiel gewesen sein, denn Florian Geyer residierte – im Würzburger Weinhaus „Zum Stachel“.

Geographisch kann man sich dem männlichen Wein aus Mainfranken von vielen Richtungen her nähern, aus dem Bayerischen, dem Schwäbischen und aus Hessen. Natürlich kann man den Bocksbeutel auch zu Hause genießen; er gehört nicht zu den Weinen, die ihr Aroma auf der Reise verlieren. Aber mindestens einmal im Leben sollte man ihn in Würzburg suchen. Eine Empfehlung: Kommen Sie von Nördlingen her über Dinkelsbühl und Rothenburg. Creglingen sei nicht zu vergessen und Stuppach, und beim Bocksbeutel in Würzburg überdenke der Zecher den Reichtum der Kunst und der Landschaften an allen Wegen, die man in weitem Umkreis um Würzburg fahren kann. Zwischen Pan und Madonnen, zwischen Tiepolo und Riemenschneider spannen sich die Akkorde dieser vielstimmigen Landschaft, in die Balthasar Neumann seine Schlösser, Kapellen, Hofe, Häuser, Kirchen und Treppen baute. Dirigent aber ist der Bocksbeutel, dem Äußeren nach mehr eine Wurfkeule als ein Taktstock, dem Gehalt nach aber ein Orchesterleiter von urbanem Temperament und rustikaler Substanz. H. R. g. L.