M. E., Berlin

Eigentlich sollte das Programm ja nicht so lang sein; ich sollte bloß 20 Minuten Pauke machen, damit die Leute sich die Gemälde ansehen kommen. Wir haben doch hier ein Kunstinstitut.“

Das Haus, in dem Kunst und Politik eine Mischehe eingegangen sind, steht am Lützowplatz, rings von Buddelstellen und Bauzäunen umgeben. Der 29er Bus hat um die Ecke eine Behelfshaltestelle. Der Mann am Kalbfell ist Wolf gang Neuss.

Der Einfall mit den 20 Minuten Pauke hat sich ausgewachsen und ist zu einem 90 Minuten dauernden „Letzten Gerücht“ geworden, zu einer kabarettistischen Tour d’Horizont. Es ist notwendig, die Ohren gespitzt zu halten. Die Pointen purzeln nur so, die Witze haben Tuchfühlung, massiert kommt die Sturmreihe der Kalauer und Sinngedichte. Wer von den Gästen gestern da war, muß doch morgen wieder aufpassen, denn dieser Orpheus unter den Nonkonformisten, diese Sirene aus der Resistence des Ulks, notiert von Vorstellung zu Vorstellung handschriftlich am Rand des Manuskriptes neue Einfälle, die er dann, durch die Brille blinzelnd, vom quer gehaltenen Papier liest, oder beim Auftritt vor sich her schwenkt: „Welcher von den Herren hat einen ‚Playboy‘ auf der Toilette vergessen?“

An der Theke bekommt man zwei schuhsohlengroße Scheiben Leberwurst mit Brot für zwei Mark, eine Portion Roastbeef mit Remouladensoße für drei Mark, eine Coca Cola, ein Rum und ein Glas Bier machen 1,82 Mark. Außerdem wird deutscher Jazz serviert. Neuss liefert das Pointenmenü: „Die Dreistaatentheorie, das ist doch, wieder so eine Tucholskysche Sauerei à la Gripsholm. Natürlich gefährden die Verwandtenbesuche die deutsch-französische Freundschaft, wie Minister Krone sagt. Natürlich machen die amerikanischen Hähnchen impotent, Rehwinkel hat recht.“ Zum Publikum: „Ein bißchen mitspielen müssen Sie schon, Sie wollen doch nicht zu Komparsen herabsinken.“

Der Kultursenator kommt durch den stopfvollen Raum, setzt sich mit Mantel auf einen herangezogenen Stuhl, bei 26 Grad! „Wollen Sie nicht ablegen“, erkundigt sich der Mann an der Pauke, „oder soll ich Ihnen noch meine Jacke leihen?“ Baumeister Scharoun wird aufs Gestühl geklemmt, das aus aufeinandergestockten Treppengeländerstützen besteht. Sie sind aus der Bombenruine des Hauses am Lützowplatz geborgen, ehe es restauriert wurde. „Das macht Atmosphäre, von der sonst hier nicht viel zu spüren ist. Wir sterben an den Lampen.“ Die Lampen, zu viele, zu helle, zu runde, wie Neuss findet, sind oben unter der Decke des Mehrzweckkellers angebracht, um die Kunst zu beleuchten. Zwischen 22.30 und 24 Uhr, wenn das Programm läuft, sind sie ausgeschaltet.

Neuss, auf dem Haupt etwas Haubenhaftes, Klerikales, mit einem Heiligenglanzbildchen, schießt auf die aufgesetzte Frömmigkeit: „Ich verwechsle das Christentum immer mit den Konfessionen.“ Er ist eine Kamikazenonne, die vergifteten Zucker in Rowohlt-Sudelschreiber Hochhuths Kaffeetasse tut, jeden Tag eine gute Tat für Pater Leppich vollbringt. „Tun auch Sie es, schreiben Sie uns auf unser Konto. Schwarzer Humor beginnt übrigens nicht unten, sondern oben; Amrehn und Spitzenhäubchen. Hilfe, die deutschen Klerussen kommen.“