Private Scharlatane und arme Schauspielschulen sind verantwortlich für den Nachwuchs auf deutschen Bühnen

Von Johannes Jacob!

Wenn man ein Werner Krauss oder ein Emil Jannings ist, dann klingt die Frage „Wie wird man Schauspieler?“ absurd. Werner Krauss trieb so lange häusliche Faxen, bis ihn seine eigene Mutter einmal mit seinem Bruder verwechselte. Die schallende Ohrfeige, die er für diese gelungene Täuschung bekam, war sein Ritterschlag zum Schauspieler. Er hatte die Eignungsprüfung vor sich selber bestanden. Solchen Naturbegabungen kann dann keine „Schmiere“ mehr etwas anhaben. Für sie ist die einzige Schule die Praxis, und so sind aus kleinen, wandernden Truppen bis in die Gegenwart nicht nur Strieses, sondern bedeutende Schauspieler hervorgegangen. Unter den Lebenden würde ein Leonard Steckel zum Beispiel wohl kaum verstehen, warum die folgenden Überlegungen angestellt werden müssen.

Die Diskrepanz zwischen der Zahl derer, die sich zum Theater gedrängt fühlen, und den Bedürfnissen der Bühnen ist allmählich zu einem öffentlichen Mißstand geworden. Im Jahre 1962 waren 22 000 Schauspieler, Sänger, Tänzer, Spielleiter, Kapellmeister, Dramaturgen, Bühnen-, Masken- und Kostümbildner an den Theatern der Bundesrepublik Deutschland, in Berlin, Österreich und der Schweiz beschäftigt. Gleichzeitig gab es unter den ausgebildeten „Bühnenschaffenden“ aber auch erstaunlich viele Arbeitslose. Ihre wahre Zahl läßt sich schwer ermitteln, weil die Arbeitsämter nach kurzer Zeit, während der Arbeitslosenunterstützung gezahlt wird, engagementslos bleibende Schauspieler auffordern, sich für einen Mangelberuf umschulen zu lassen.

Helden sind Mangelware

Der Andrang zur Schauspielerei ist ungeheuerlich. Ausgerechnet dort, wo augenblicklich die Ausbildungskosten am höchsten sind, an der Schweizerischen Theaterschule in Zürich, melden sich jährlich über 400 junge Menschen, die nur mühsam davon abzubringen sind, Schauspieler werden zu wollen. Auch in Berlin und München können die öffentlichen Schauspielschulen von den 200 Interessenten, die sich jedes Jahr melden, nur 12 bis 15 Schüler annehmen. Sogar zu den Eignungsprüfungen, die von paritätischen Kommissionen der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger und des deutschen Bühnenvereins zweimal jährlich abgehalten werden, melden sich allein im Lande Nordrhein-Westfalen jedesmal 60 bis 90 Bewerber. Das sind 150 Personen in einem einzigen Bundesland, obwohl man bei der Eignungsprüfung schon eine Begabungsprobe ablegen, etwas vorsprechen muß.

Andererseits klagen Intendanten, daß sie wichtige Fächer, besonders klassische Rollen, nicht zureichend besetzen können. In unserer Zeit ist nicht nur der Held als Bühnenfigur Mangelware geworden. Auch Liebhaber, wie sie vom Repertoire jedes Theaters verlangt werden, gehören zu den Seltenheiten. Daß man die Klassiker nicht richtig sprechen gelernt hat, erklärt diese Ausfälle nicht hinreichend. Dieser Mangel wäre schließlich zu beheben. Bedeutsamer erscheint der innere Widerstand: Scham oder Scheu des Nachwuchses solchen Gefühlen gegenüber, wie sie von Romeo und Julia, von Klärchen, Gretchen und dem Prinzen von Homburg empfunden werden und also auch dargestellt werden müssen.