Von Jürg Eckart

Die Grüne Front – das klingt ebenso nach erdverbundenen Gestalten im Lodenmantel, nach gutsituierten Agrariern und nach Dorfromantik wie nach moderner pressure-group und nach engstirnigem Lobbyismus. Der Deutsche Bauernverband – er verkörpert in den Augen der meisten Bürger dieses Landes die Grüne Front – gäbe sich einer groben Selbsttäuschung hin, wollte er übersehen, daß er vom größten Teil der Öffentlichkeit als Inkarnation jener bornierten Interessenverbände angesehen wird, deren Tun und Lassen Ludwig Erhard sogar in seiner Regierungserklärung höchst kritischen Bemerkungen unterzog.

Steht man einzelnen Präsidenten gegenüber oder ruft sich gar die abgewogenen Worte des verstorbenen Andreas Hermes in Erinnerung, dann fragt man sich, wie denn eine Reihe recht umgänglicher und zum Teil provinziell antretender Landleute in den Geruch hemdsärmeliger, hartgesottener und in erster Linie auf den Vorteil ihres „Berufsstandes“ bedachter Interessenten gekommen sind. Noch dazu sind jene Biedermännner offenbar imstande, jedem Kanzler, jeder Regierung und jeder Partei nicht nur das Leben, sondern vor allem politische Entschlüsse mehr als sauer zu machen.

Spürt man den Antworten auf solche Fragen ein wenig nach, erscheint das Bild eines Verbandes, dessen Stil und dessen Meinung so gar nicht in unsere Zeit zu passen scheinen. Seine Pfunde, mit denen er noch immer erfolgreich wuchert, stammen aus jenen Tagen, da die Bauern als „Blutsquell der Nation“ und die Ernährung aus „eigener Scholle“ als wichtigstes wirtschaftspolitisches Ziel angesehen wurden.

Die Bedeutung des Bauernverbandes wird weder vom Auftreten der Bauernführer bestimmt noch wird sie gestützt durch eine finanzstarke und militante Organisation. Er gilt vielmehr vorwiegend bei Politikern der jetzt in Bonn regierenden Koalition, einfach als Verband mit einem beträchtlichen, wenn nicht gar mit dem höchsten Gewicht an Wählerstimmen. Es gibt natürlich Verbände mit mehr Mitgliedern, aber deren Anhänger bilden keinen so geschlossenen Wählerblock wie die Bauern.

Wieweit das wirklich zutrifft, ist zwar zweifelhaft, doch bislang war offenkundig noch kein maßgebender Politiker von derartigen Zweifeln geplagt. Die häufig genannte und vom Bauernverband wohlwollend registrierte Zahl spricht von 6 Millionen sogenannter ländlicher Wähler; indessen mag das allenfalls 1949 richtig gewesen sein, sofern man mit ländlichen Wählern in erster Linie die hauptberuflichen Bauern und ihre Familienangehörigen meint. Wer nurmehr nebenbei den Acker bebaut und das Vieh füttert, ansonsten aber sein Brot als Arbeitnehmer verdient, gehört wohl kaum zu dem geschlossenen Block der Menschen in den Dörfern, die nach vorherrschender Meinung niemals einen Sozialdemokraten wählen werden.

Es gibt heute noch etwa 800 000 hauptberufliche Landwirte in der Bundesrepublik; der Bauernverband hat dagegen etwa 1,2 Millionen Mitglieder. Rechnet man durchschnittlich auf jedem Hof mit zwei Stimmberechtigten, die tatsächlich noch zur Landwirtschaft gehören, sind die angeblich sechs Millionen Wähler der Grünen Front in jedem Fall ziemlich weit überzogen.