Wieder einmal Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“. Mir aber geht es nicht um einen Papst, sondern um einen Oberrabbiner. Nach der umstrittenen Aufführung des Stückes in Dänemark brachte „Die Welt“ Ende Dezember ein Gespräch mit dem dänischen Oberrabbiner Dr. Marcus Melchior. Dr. Melchior mochte das Stück nicht.

Nun gibt es gute Gründe, die gegen das Stück sprechen – literarische beispielsweise. Aber Dr. Melchiors Gründe haben nichts mit dramatischer Ästhetik zu tun.

Er findet es zunächst „tragisch, daß Hochhuth (wahrscheinlich, ohne dies zu beabsichtigen) dem Versöhnungswerk die Möglichkeit nahm, sich weiter spontan zu entwickeln. ‚Der Stellvertreter‘ hat tatsächlich einen Schatten über dieses Werk geworfen“.

Welches Versöhnungswerk ist es, das Hochhuth „wahrscheinlich ohne dies zu beabsichtigen“, so furchtbar gefährdet?

Die vom Vatikanischen Konzil erhoffte Entschließung, „in der die kollektive Schuld der Juden an der Kreuzigung Christi fortgenommen werden soll. Dies wird eine Revolution in den Beziehungen zwischen der Kirche und dem Judentum bedeuten ...“

„Die Welt“ versichert mir, daß Dr. Melchior „zu den bedeutendsten jüdischen Theologen außerhalb Israels gehört“. Er muß also viel besser als ich wissen, wie es in den Köpfen von Theologen zugeht. Einem einfachen Menschen wie mir erscheint es als absurd und komisch, daß die Männer des Konzils in ihren Beratungen über ein zweitausend Jahre altes Kollektivschuld-Märchen irgendwie von einem Theaterstück beeinflußt werden könnten – nicht ganz so absurd und komisch allerdings wie die Parenthese: „wahrscheinlich ohne es zu beabsichtigen“. Als bestünde doch eine Möglichkeit, daß es Hochhuths eigentliche teuflisch-tückische Absicht gewesen sei, über das Versöhnungswerk zwischen Kirche und Judentum „einen Schatten“ zu werfen.

Dem guten Oberrabbiner geht es aber vor allem um die Entlastung des deutschen Volkes. Er sagt da einige Sätze, bei denen mir angst und bange wird.