Von Wolf/sang Ebert

Wenn man auf dem Rücken schwimmt, sieht man in den Winterhimmel – sofern man überhaupt etwas sieht; denn jetzt im Januar ist man meist von Nebelschwaden umhüllt. Um den Kopf herum ist es fünf bis fünfzehn Grad kalt. Alles, was nicht unmittelbar zum Kopf gehört, steckt dafür in einem Wasser, das fast Badewannen-Temperatur hat.

Das Dante-Bad ist eine Attraktion Münchens. An manchen Winterwochenenden tummeln sich in seinem fünfzig Meter langen Becken zweitausend Besucher. Wem die dreißig Grad zu kalt sind, der bleibt im Sprungbecken, wo es noch um zwei Grade wärmer ist. Die ganz abgehärteten wälzen sich im Schnee, der auf den Tribünenbänken liegt. Wenn ich das sehe, überzieht mich im warmen Wasser eine Gänsehaut.

Was ein rechter „Dante-Bader“ ist, der freut sich im Sommer auf die Wintersaison. Ich schwimme dann regelmäßig 600 Meter Brust, keinen Meter mehr, keinen weniger. Mein Tempo hielt ich solange für sehr rasant, bis ich von der Malerin Bele Bachem um fünf Längen besiegt wurde. Dabei holte sie sich allerdings einen Schnupfen und ließ sich fortan nie wieder blicken. Da unsere Intellektuellen eine heimliche Liebe zum Vitalen haben, trifft man sie – schmalbrüstig und weißhäutig – auch dort in erklecklicher Zahl, wenn auch immer jeden möglichst für sich. Ihre Frauen hingegen erscheinen in Pullis und wenden beim Durchschwimmen der Becken eher den Schnatter- als den Schmetterlingsstil an.

Mit Kollegen, die man hier trifft, hat man es relativ einfach. Man unterhält sich mit ihnen am Beckenrand kurz über den letzten Reinfall eines anderen Kollegen und verschwindet wieder in den Nebelschwaden. Die rühren von der Wassertemperatur her. Ein Warnschild verkündet, das Aufsichtspersonal sei dadurch in seinen Funktionen beeinträchtigt; man soll besser selber aufpassen. Schon im Sommer ist mir im Schwimmbecken zumute, als spränge mir dort gleich jemand entweder auf den Kopf oder rammte mir, von unten auftauchend, seinen Kopf in meinen Bauch. Warum arbeiten nicht alle so pedantisch, ruhig und diszipliniert für ihre Gesundheit, wie ich es tue? Ganz nervös aber machen mich diese Winternebel, bei denen man oft die Hand vor den Augen nicht sehen kann. Dauernd bin ich auf der Hut, um Zusammenstößen aus dem Wege zu schwimmen. Zugute kommt dieser Nebel vielen Liebespaaren, die hier nur im Winter auftauchen. Sie halten sich am Beckenrand auf und fest, und keiner weiß so recht, was sie dort stundenlang treiben. Damit dieses Geheimnis gewahrt bleibt, hat die Badeverwaltung die Verwendung von Taucherbrillen vor einiger Zeit untersagt.

Friert man eigentlich in diesem Wasserbad, das sogar an drei Wochentagen für Berufstätige bei Flutlicht bis in den frühen Abend hinein geöffnet bleibt? Eigentlich nur zehn Sekunden lang, wenn man hinausklettert. Aber dann kann man schon nach seinem Bademantel greifen und in die gewärmten Kabinen gehen, wo es Brausen gibt und einen Föhn fürs Haar. Meines wird leider trotz meiner weißen Damenbadekappe immer naß. Von solchen Kappen behaupten Mitschwimmerinnen, nichts wirke so unsexy wie Männer mit Damenbadekappen.

Wenn man sich erst einmal wie ich zum Leben eines Vitalisten entschlossen hat, gibt es kein Halten mehr. Ich besitze nämlich seit einiger Zeit – neben dem Bali-Gerät und einem Expander, mit dem ich 25 Kilogramm auseinanderreiße – auch noch eine Heimsauna. Freunde, die offenbar um meine schlanke Linie besorgt waren, haben sie mir geschenkt. Eine geschenkte Sauna muß man natürlich benutzen, und das tue ich auch alle fünf Tage eine halbe Stunde lang. Die Sauna besteht aus einem Heizkasten, auf dem man sitzt, und einer weißen, runden Hülle, die der ganzen Einrichtung den Anschein einer griechischen Säule verleiht. Mein Kopf guckt aus einer weiß-blauen Halskrause heraus, und wohin guckt er da? Erst einmal auf das Thermometer – aus Vorsicht, damit man sich nicht in Schweißtropfen aufgelöst wiederfindet – und dann auf den Fernsehbildschirm. Schwitzen ist nämlich langweilig. Darum stelle ich die ganze Anlage so, daß ich dabei fernsehen kann und richte mein Schwitzen nach dem Programm. Wer schwitzt, sieht das Programm mit anderen Augen. Der will in dieser Hinsicht nicht neue Opfer bringen und dazu noch eine langweilige Diskussion ertragen. Der sieht sich am liebsten ein munteres Eishockeyspiel an oder Friedrich Luft, wie er sich gerade mit Golo Mann unterhält. Und hört sich selber dazu in kurzen Abständen tropfen.