„Name ist alles! Gefühl ist Schall und Rauch.“

(Goethe-Zitat, zur Probe gewendet)

Es hat natürlich erheblichen praktischen Sinn, wenn der Held (sei’s im Buch, sei’s im Leben) plötzlich den Kragen hochschlägt, die Nase dafür listig tiefer ins Gesicht zieht, und, nach seinem Namen befragt, nach leichtem Zögern angibt, er heiße... ä –: „Niemand“; ach, da weiß ich schon. (Und daß Odysseus seinerzeit damit durchgekommen sei, kann man heute keinem Schuljungen mehr weismachen.) Den Zweck solch keuschen Verschweigens verrät ja schon das Märchen: Wenn ich den Namen für Mensch oder Sache weiß, dann habe ich mich ihrer bereits halb bemächtigt. Kann Erkundigungen einholen über die schwachen Seiten von Herrn Rumpelstilzchen (oder den „Feuermann“ der Regentrude); kann über sein Vorleben nachschlagen in irgendeinem „Huhs-Huh in Dschinnistan“; und der bloße Umstand, daß der etwas zu verschweigen hatte, kommt ja auch einer Mitteilung gleich, nämlich der einer Schwäche! Unter uns Modernen sind es ganze Gruppen von Dunkelfeld-Berufen, die von dergleichen Profession machen. Jünglinge, die der ländlich-schönen Wochenendbraut die Taille verderben möchten; Räuber, Spione, Geheimpolizisten, Diplomaten in besonderer Mission, Könige inkognito – also alles nichts für uns ehrsame Bürger.

Und ich meine jetzt auch nicht „German Schleifheim von Sulsfort“ oder die Pseudonyme der Poeten; wenn Tucholsky sich in ein halb Dutzend Panter und Tiger verwandelte, dann hatte das überwiegend kommerzielle, „technische“ Gründe. Tiefsinniger wird’s schon, wenn andere ihre Individualität „zerlegen“, in einen kritischen Teilhaber, der dann die schneidendsten Rezensionen abfaßt, und einen poetischen, der jenen kessen Matador gar nicht kennen soll – ’s könnte vielleicht ein Hilfsmittel zur Sonderung und Konzentration bei Mehrfachbegabungen ergeben; durchaus möglich. Andere wiederum legen den eigenen ehrlichen Namen Müller-Schulze-Lehmann ab, weil – tja, sogleich gibt es die bekannten „zwei Möglichkeiten“; nämlich a) der Betreffende, ob Herr ob Dame, ist etwas kopfschwach, und ästimirt es für ein rechtes Muttermal des „Höheren“, daß „der Dichter“ angemessener „Charles-Adelaide Dumenhould de Rochemont“ heiße; oder aber b) er und sein Verleger sind – wahrhaftig nun zwar eben nicht, dafür jedoch klug – ruchlos genug, um auf die Anfälligkeit (sprich „Doofheit“) des Lesepöbels zu spekulieren, der leider auch bei „Hermann Goedsche“ das Maul ebenso verzieht, wie er bei „Sir John Retcliffe“ automatisch-wohlgefällig zu lächeln anhebt. Aber nein, itzt will ich ernsthaft reden: woher nimmt ein Schriftsteller die Namen seiner Personen? warum heißt Nathan Nathan? Werther Werther? oder der Held eines der bekanntesten autobiographischen Romane David Copperfield? Wieso serviert uns Blake ganze Schüsseln wohltönender Silblinge wie „Bowlahoola und Allamanda“? Wie kam Joe Smith, der Ansager des „Buches Mormon“, auf seine endlos-unerhörten Klang-Ringelreihen „Amaleki und Helaman“ und „Curelom und Cummom“? Warum nennt sich die oder jene Nebenst-Figur bei Stifter „Lothar“? Wieso betitelt sich Carrolls größtes Buch ausgerechnet „Sylvie und Bruno“?

Reine Willkür?

Damit kommt man schwerlich durch. Ist es doch seit Freuds „Alltagsleben“ hinreichend bekannt, daß einem „nur so“ überhaupt nichts einfällt; kein Melodienfetzen, keine Zahl, kein Sprachteilchen. Also vermutlich auch kein Name. Ebensowenig wie die Eltern den Kindern aufs Geratewohl Namen aufheften – manchmal muß man „leider“ sagen, wenn dann, auf Grund übelgewählter Lektüre der Frau Mama, eine bedauernswerte „Melsene Piepenbrink“ durchs ohnehin schwer genucke Leben zu irren hat – ebensowenig tauft der Poet die „Kinder seiner Phantasie“ willkürlich.

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