ürk, Rastatt

Die Photoamateure, die am letzten Samstag im Rastatter Photogeschäft Friedrich Schwemmer ihren Film für den ersten Schwarzwälder Schneesonntag dieses Jahres kaufen wollten, standen vor verschlossenen Türen. Rote Plakate verkündeten, was Schwemmer bereits zwei Tage zuvor per Inserat im Heimatblatt bekanntgegeben hatte: „Nach reiflichen Überlegungen habe ich mich entschlossen, im neuen Jahr in der Ladenzeit-Frage die gleiche Regelung einzuführen, wie sie im übrigen Bundesgebiet seit elf Jahren üblich ist.“

Im alten Jahr hatte Friedrich Schwemmer seine zwei Verkaufsstellen an jedem Samstag bis 18 Uhr offen gehalten. Er hatte es damit seinen Rastatter Kaufmannskollegen gleichgetan. Statt des langen Wochenendes genießen in Rastatt und in vielen anderen Orten Südbadens die im Einzelhandel Tätigen das Privileg eines freien Mittwochnachmittags, das durch eine „Sonderregelung für grenznahe Orte“ legitimiert ist.

Ganz Südbaden liegt im Bereich der französischen und Schweizer Grenze, und jenseits dieser Grenze kennt man bislang noch keinen freien Samstagnachmittag.

Freilich sind die Verkehrsverbindungen zwischen dem Elsaß und den meisten badischen Orten nicht gerade besonders gut, und das Kundenreservoir der kleinen Grenzdörfer Frankreichs ist auch kaum interessant. Aber die sogenannten „Grenzlandorte“ ziehen einen anderen Vorteil aus der Sonderregelung. Die Bewohner landeinwärts liegender badischer Orte, die nicht der Sonderregelung unterliegen, benutzen die Samstagnachmittage, um in Grenznähe einzukaufen.

Friedrich Schwemmer unternimmt nicht den ersten Versuch, seine Kollegen zu bewegen, auf die Grenzlandregelung zu verzichten. Der Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Baden-Baden, Julius Ueberle, erinnert sich: „Das ist immer so 51:49 gegen Schwemmers Pläne ausgegangen, so daß wir nichts machen können.“

So mußte also Schwemmer, wollte er seine Reformpläne verwirklichen, allein vorpreschen. Seine Kollegen sind ihm gram. Weniger vielleicht wegen der zeitlichen Änderung, denn alle Einzelhändler haben wegen des fehlenden langen Wochenendes Personalschwierigkeiten. Sie nehmen dem aus Thüringen stammenden Schwemmer vor allem die Mißachtung badischer Traditionen übel. Für die „Badener“ ist der Geschäftsschluß am Samstagnachmittag eine schwäbische Neuerung, von der nichts Gutes zu erwarten ist.