Von H. M. Nieter O’Leary

Es gibt Richtungen in der Literatur und der darstellenden Kunst, die unser „soziales Gewissen“ wecken wollen, indem sie den Zustand des Menschen nur von seiner niederträchtigen Seite zeigen. Die Exponenten dieser Schule tadeln jede künstlerische Arbeit, die uns nicht in die Wollust des Schmerzes hüllt. Wurde diese Tendenz aus dem Schuldkomplex unserer Generation geboren? Oder gehört der moderne Hang zum Vergnügen am Grauen in unser technisches Zeitalter? Und wenn dem so wäre – wie viele Tote und Verschandelte müssen in den Berichten, Erzählungen, Filmen vorkommen, damit es großen Eindruck macht? Aber wie lange währt der Eindruck? Wann war eigentlich das Erdbeben in Agadir? Und das in Chile? Wann versank die „Thresher“ in die Tiefe? War’s vor Monaten oder schon vor Jahren? Der Mann, der diese Fragen stellt, ist unser Freund Nieter O’Leary, der britische Schriftsteller und Filmmann irischer Abstammung, den die Leser der ZEIT seit langem kennen. Hier protestiert er gegen den „modernen Hang, Vergnügen am Grauen zu haben“. Er schreibt: Welcher Nation wir auch angehören, wir sind verhärtet, weil wir uns auf unser eigenes Erleben konzentrieren, und die Freuden des Lebens gehen oft ungesehen an uns vorbei. Dabei verlangt schon die Natur einen Ausgleich; nicht nur fordert sie vom Menschen ein Drittel seines Lebens als Schlaf, sie hat außerdem die gütige Eigenschaft, unsere grauenvollsten Erlebnisse zu verwischen. Dafür hat jeder seine eigenen Beweise. Ich habe deren viele.

Ein englischer Freund machte als Kriegsgefangener einen der trostlosen Trecks aus Ostpreußen mit. Jedoch blieben ihm von dem Zug über das Haff nur noch Erinnerungsfetzen: eisige Kälte – Tiefflieger – bleierne Müdigkeit. Kristallklar steht aber noch heute das Bild von der Geburt eines Fohlens vor ihm; es war kurz vor dem Elbübergang zur Welt gekommen. Die Flüchtlinge standen im Kreis um Stute und Fohlen herum, völlig unbekümmert, als gäbe es keine Verfolger. Für einen Moment und eine Ewigkeit wurden alle Ängste vom Wunder der Geburt überragt. Der gleiche Abwehrmechanismus funktionierte auch bei mir.

Eine meiner klarsten Erinnerungen aus den Kriegsjahren haften an einem Morgen, der einer Londoner Bombennacht folgte. Die Sonne schien diesig durch den Dunst; die Straße, durch die ich ging, lag im perlmuttfarbenen Licht. Ein paar Spatzen zankten sich in der Stille um eine Spatzenfrau. Das war alles. Im Nebel der Zeit habe ich Einzelheiten der Bombennacht vergessen; doch die Straße an jenem Frühlingsmorgen, die wie eine chinesische Zeichnung aussah, steht noch immer vor mir.

Vielleicht, daß mein Bewußtsein nur das zur Kenntnis nahm, was ich sehen wollte; vielleicht, daß ich das Ungehörige in den uferlosen Ozean des Vergessens geworfen habe. Der kanadische Psychologe Lawrence Gould sagte einmal: „Aus den Eindrücken, die wir von Situationen erhalten, trifft selbst unser bewußtes Denken eine Auswahl, und zwar eine relativ geringe.“ Er führt dafür folgendes Beispiel an: Angenommen, eine Familie geht spazieren. Nachher werden die empfangenen Eindrücke ganz verschieden sein. Der Vater erinnert sich mit Wohlgefallen an die hübschen Mädchen, die vorbeigingen. Auch die Mutter sah sie an, aber mit anderen Augen; in ihrer Erinnerung übte sie Kritik am Schnitt und der Farbenzusammenstellung an den Kleidern. Indessen entsinnt sich der zwölfjährige Sohn nur der neuenAutomodelle. Jeder sah, was er sehen wollte, und registrierte nur die Auswahl.

Eine alte freimaurerische Regel lehrt: Das Leben schenkt uns eine endlose Kette von Ereignissen und Situationen mit den latenten Möglichkeiten, Glück zu empfinden oder Unzufriedenheit. Lediglich unsere geistige Einstellung bestimmt, was wir heraussuchen.

Gewiß, auf den ersten Blick scheint diese Lehre eine Übervereinfachung dafür zu sein, das Dilemma zu lösen. Aber um unser seelisches Gleichgewicht erhalten zu können, brauchen wir die Freude an den alltäglichen Dingen als Ausgleich für die Versehrbarkeit des Lebens durch die bedrohlichen Geschehnisse. Dabei brauchen die Freuden gar nicht dionysisch zu sein. Man kann sie an der nächsten Straßenecke erleben oder als Erinnerung von weiten Reisen mitbringen.