Die Notwehr des Städters: Steine auf die Planer

Von Alfred Prokesch

Der mit Schlagworten gefütterte Bürger hat in den letzten Jahren mancherlei anstandslos geschluckt, was ihm auf dem Gebiete des Städtebaues meist mit klagendem Unterton vorgejammert und was gefordert wurde. Gefordert wurden zum Beispiel die organische Stadt und die dezentralisierte Stadt, die autogerechte ebenso wie die fußgängergerechte Stadt, die Gartenstadt, die nachbarliche und die von Trabanten entlastete, die gesunde, die aufgelockerte, die durchgrünte Stadt... Was alles hat man mit der Stadt angestellt, um sie besser zu machen. Indessen wurde sie immer schlechter, weil man ihr nicht erlaubte, zu sein, was sie ist: Stadt.

Das „unkonventionellste und provozierendste Städtebau-Buch aller Zeiten“ ist drauf und dran, eine internationale Götterdämmerung ersten Ranges heraufzubeschwören. Jane Jacobs, Frau eines amerikanischen Architekten, Reporterin und Redakteurin der Zeitschrift „Architectural Forum“, hat in vernichtender Federattacke ein gut Teil aller herkömmlichen Stadtplanung in Grund und Boden geritten (siehe ZEIT Nr. 42/63, Hermann Funke: Die Großstadt und ihre Planer). Sie zahlt unseren Stadtplanern, die üblicherweise jede Diskussion über die moderne Großstadt mit einem Steinwurfritual beginnen (Hans Paul Bahrdt: „Soziologie der Großstadt“), mit gleicher Münze heim. Nur: den massiven Geschossen dieser zornigen jungen Frau gegenüber sind die traditionellen Wurfgeschosse unserer Stadtplaner, ja selbst die berühmte hundertjährige Bombe: „Verstädterung bedeutet Vergreisung und Vermassung“ geradezu lächerliche Papierkugeln. Die ganze amerikanische Stadtplanung bleibt auf der Strecke. Und nicht nur die amerikanische.

Weiheopfer Großstadt

Um diese Götterschlacht genießen zu können (die mehr ein Schlachten als eine Schlacht zu nennen ist), braucht man nur einige Zitate aus Jane Jacobs Buch („Tod und Leben großer amerikanischer Städte“) aneinanderzuknüpfen:

„Unsere Stadtplanung befindet sich auf der gleichen Stufe des Aberglaubens wie die Medizin zur Zeit der Wunderheilungen durch den Aderlaß. Die Pseudowissenschaft vom Städtebau hat sich ein Riesengebäude von Dogmen auf der Grundlage blanken Unsinns entwickelt.“