Wien, im Januar

Das Leben Julius Raabs war ein Leben für Österreich gewesen. Der Baumeister aus Sankt Pölten war österreichischer Bundeskanzler von 1953 bis 1961 – länger als jeder andere Kanzler der ersten und zweiten Republik. An allen wichtigen Stationen der zweiten Republik begegnet man Julius Raab: 1945 gründet er mit alten Freunden die ÖVP und zieht als Staatssekretär für Wiederaufbau in das Kabinett Renner ein; die lange Serie der Lohnpreisabkommen zwischen 1945 und 1948 trägt seine Unterschrift; 1953 leitet er als Kanzler die Stabilisierung der Währung ein und inauguriert den „Raab-Kamitz-Kurs“; 1955 bringt er aus Moskau den Staatsvertrag mit nach Hause; 1956 läßt er seine Regierung während der Ungarn-Krise einen eindringlichen Appell an Moskau richten – eine einsam gebliebene Mahnung zur Demokratie.

Raab führte Österreich in die Vereinten Nationen, in den Europarat und in die EFTA, ehe er, von den „Jungtürken“ seiner Partei verdrängt, zuerst das Amt des Parteiobmanns, dann jenes des Kanzlers aus den Händen gab. Trotz ernster Erkrankung stellte er sich 1963 seiner Partei noch einmal als Kandidat für die Bundespräsidentenwahl zur Verfügung: aber Raab, den 1957, nach Theodor Körners Tod, kein noch so populärer Kandidat der Gegenseite hätte schlagen können, unterlag. Seine Erben in Partei und Regierung ehrten ihn mit der obligaten Rhetorik und den unfreiwilligen Zeugnissen ihres Versagens, die dem alten Mann, den niemand den „Alten“ zu nennen wagte, immer wieder Gelegenheit boten, von seinem „buen retiro“ in der Bundeskammer aus in die Staatsgeschäfte einzugreifen.

Er wurde „der Julius“ genannt, und diesem Julius ließen die Österreicher eine Auszeichnung zuteil werden, die seit dem Tod des vorletzten Kaisers nur noch Schauspielern widerfahren war: sie schufen eine „Raab-Legende“. Aussprüche Raabs sind Allgemeingut geworden: seine Wortprägung „Beamtenforelle“ für Knackwurst; oder die Chruschtschow gegenüber formulierte Option des Weinliebhabers gegen Mineralwasser: „Dös Wasser möcht ich nicht einmal in den Schuhen haben“; oder schließlich sein Urteil über die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ): „Die werd’n wir inhalieren.“ Der Mann mit der Virginia-Zigarre und dem festen Stammtisch im Kaffee Landmann, wo er bei Mokka, Kipferln, oftmals erneuertem Wasser und vielen Zeitungen zu sitzen pflegte – dieser Mann, der sich nie mühte, betrieb die Politik auf handwerkliche Art, redlich, für jeden überschaubar. Er verheimlichte die Fehler nicht, die ihm unterliefen, und führte die Korrekturen vor aller Öffentlichkeit durch. Das mag ebenso zu seiner Popularität beigetragen haben wie sein Stil zu führen.

Man hat vor allem Raabs Art der Parteiführung als „autoritär“ verurteilt, und der Ausspruch: „Ich stelle fest, alle sind dagegen – der Antrag ist also einstimmig angenommen!“ soll tatsächlich einmal am Ende einer Sitzung der ÖVP-Spitze gefallen sein. Dieser autoritäre Stil stammte indes wohl nicht aus Liebe zur Macht, sondern aus der Erkenntnis, daß die ÖVP mit ihren drei Bünden (Bauernbund, Wirtschaftsbund und Arbeiterbund) und den vielen Sonderinteressen ein anders nicht zu steuerndes Vehikel ist. Raab führte in der Tat, und oft genug auf Grund „einsamer Entschlüsse“. Wer jedoch erlebt hat, wie ÖVP-Führer vor und nach ihm geführt oder herumgestoßen wurden und dann nur noch die Flucht in die starke Rede als Ausweg wußten, wird dem alten Kanzler recht geben.

Der Tod des Staatsvertrags-Kanzlers bedeutet für Österreich eine tiefe Zäsur. Die derzeitige politische Krise im Land ist mehr die Krise unsteter Generationen als die einer unsicheren Koalition. Nach Julius Raab bleibt nur noch Bundespräsident Adolf Schärf als Vertreter jener Generationen im öffentlichen Leben, die Sarajewo noch bewußt erlebt haben. Die großen Alten sind von der Bühne abgetreten, er war der letzte.

Leopold Kunschak, der letzte Christlichsoziale aus der Lueger-Zeit (geboren 1871 in Wien), die Bundespräsidenten Karl Renner (geboren 1870 in Südmähren) und Theodor Körner (geboren 1873 im heute ungarischen Komorn), der katholische Publizist Friedrich Funder (geboren 1872 in Graz), der niederösterreichische Bauarbeiter und Gewerkschaftsführer Johann („Schani“) Böhm (geboren 1886), der ehemalige sozialistische Innenminister Oskar Helmer (geboren 1887 in Niederösterreich). Es war kein Zufall, daß sich Raab mit Böhm und Helmer besser verstand und besser redete als mit vielen seiner Parteifreunde, und ebensowenig ist es Zufall, daß all diese Männer – Funder ausgenommen – aus dem Osten der kleinen Republik gekommen sind: da ist das Österreich-Bewußtsein seit eh und je nicht Ressentiment über verhinderte. Anschlüsse, da – im direkten Ausstrahlungsfeld der Hauptstadt Wien – weiß man heute wie vormals, daß österreichisch eine Art zu leben und zu denken; ist und eine Art Politik zu machen, die freilich mit dem Zerfall der alten Monarchie nicht leichter geworden ist.

Die Ehrlichkeit, mit der Raab 1955 den Sprung in die Neutralität vollzog, die Ehrlichkeit, mit, der er verhandelte, trugen Österreich den Staatsvertrag ein. Er erlebte auch noch die Tilgung der Schulden aus dem Staatsvertrag: Eine Woche vor seinem Tod rollten die letzten Waggons, die österreichisches Ablöse-Erdöl nach Osteuropa. brachten, aus den Wiener Bahnhöfen. Er hinterläßt seinen Erben ein im Kern gesundes Land. Wie man in und mit ihm wirtschaftet, konnten sie „vom Julius“ lernen. Claus Gatterer