Von Willi Bongard

Der unvergeßliche Georges Grosz, der sich einen Spaß daraus machte, seine Mitmenschen zu provozieren, soll einmal in New York, in einem Kreis fanatischer Anhänger des abstrakten Expressionismus, von der „Schönheit“ einer amerikanischen Subway-Reklame für Schäfer-Bier geschwärmt haben.

„Wie ist das gemacht!“ rief er aus, mit todernstem Gesicht. „Das leicht beschlagene Glas, mit dem überschäumenden Bier. Sehen Sie, Ladies and Gentlemen, das ist Kunst: es macht mich auf der Stelle durstig – so durstig, daß ich auf der nächsten Station aussteigen und mir sofort ein Schäfer-Bier bestellen möchte. Das macht ihnen kein Picasso nach ...“

Niemand wäre wahrscheinlich mehr entsetzt gewesen als Georges Grosz, wenn er zwischen dem 14. März und 12. Juni vorigen Jahres die Spiralen des Guggenheim-Museums auf der Fifth Avenue hinaufgegangen wäre und dem „Ice Cream Soda“-Gemälde von Roy Lichtenstein gegenüber gestanden hätte. Sein Entsetzen würde sich vermutlich noch gesteigert haben, wenn er in der Martha Jackson Gallery die „Case with Six Pastries“ von Claes Oldenburg – sechs Tortenstücke aus Pappmaché – gesehen oder wenn man ihm im Jewish-Museum die „Coca-Cola“-Skulptur von Robert Rauschenberg gezeigt hätte.

Die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen – oder gar vor die Augen gehalten – hätte er erst recht beim Anblick des „Black Bathroom“ von Jim Dine – einem in ein Gemälde eingelassenen Waschbecken – oder vor dem Original-Armaturenbrett eines amerikanischen Straßenkreuzers von Robert Watts.

Das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ hat sich im Jahre 1963 seines Ehrentitels wahrhaft würdig erwiesen, nicht zuletzt mit jener Kunstrichtung, von der die Empörten zu wissen glauben, daß sie weder mit Kunst zu tun noch eine Richtung habe; ich meine die Pop-Art.

Niemand weiß zu sagen, wer diese abscheuliche Bezeichnung in Umlauf gesetzt hat, noch was sie zu bedeuten hat. Verschiedentlich ist der Verdacht geäußert worden, es handele sich um eine Abkürzung von „Populär Art“, also populärer Kunst. Diese Deutung ist insofern nicht abwegig, als die Pop-Art tatsächlich binnen kurzem in Amerika eine Popularität errungen hat, wie sie der Impressionismus – und selbst der Expressionismus – in seinen Anfängen nie zu erträumen gewagt hätte.