Weltausstellung 1964/65 in New York – die Angabe stimmt nicht ganz. Es ist Euphemismus im Spiel. Zwar werden 51 Länder (dazu 24 USA-Staaten und 35 amerikanische Firmen) vertreten sein, doch ist manches dafür illegal. Eine Gruppe von 32 Nationen, die im Büro der Internationalen Ausstellungen (Paris) zusammengeschlossen sind und die Flut der Weltausstellungen kontrollieren wollen, haben nämlich Regeln aufgestellt, und danach dürfen solche Veranstaltungen erstens nicht länger als sechs Monate dauern, zweitens darf ausländischen Ausstellern keine Miete abverlangt werden. Der New Yorker Veranstalter jedoch wollte, damit die Sache sich rentiere und nicht Subventionen beanspruche, daß die kommende Weltausstellung in New York zwei Jahre dauert und daß für ausländische Pavillons Mieten von etwa neunzehn Dollar pro Quadratmeter entrichtet werden. müssen. Mitglieder des internationalen Büros – wie Italien, Frankreich, Großbritannien, die Bundesrepublik – haben daraufhin offiziell abgesagt; allerdings werden Privatfirmen dieser Länder an der Show teilnehmen (315 westdeutsche). Auch die Sowjetunion wird fehlen.

Wenn also auch nicht die ganze Welt auf dieser Ausstellung dabei sein wird, so rechnet man immerhin mit siebzig Millionen Besuchern. Und alle Superlative, die je auf eine Weltausstellung angewendet wurde, seit der ersten großen Schau dieser Art, der Londoner Weltausstellung im Jahre 1851, werden zutreffen: Es wird die kostspieligste (eine Milliarde Dollar), größte, umstrittenste, kommerziellisierteste und womöglich einträglichste ihrer Art sein. Man sagt schon jetzt, sie werde ziemlich eindeutig eine Messe, eine Werbeveranstaltung der Krämer sein.

Sie hat kein einheitliches Thema. Für die New Yorker Weltausstellung 1939/40 am gleichen Platz galt das Motto: Zukunft und Unterhaltung; Brüssel stand im Zeichen des Atoms und der Maschinen; Seattle 1962 war eine gepflegte Messe für den auf den Plan tretenden Nordwesten Amerikas. New York 1964/65 wird „eine Schau von allen, für alle von überall“ sein mit Tempeln, staatlichen Wundern, Industrieleistungen, einer Repräsentation neuer Nationen, Demonstrationen des Zeitalters des Aufbruchs ins All“. Harmonie und Chaos werden diese „Olympischen Spiele des Fortschritts“ – so der optimistische typisch amerikanische Slogan – widerspiegeln: Der Mensch ist gut, die Welt ist schön – eine Disneyland für Erwachsene.

Im Pavillon des Vatikans wird die Pieta von Michelangelo stehen, neun lebensgroße Dinosaurier aus Glasfiber sollen vor dem Gebäude einer amerikanischen Firma grasen. 150 Balinesische Mädchen werden tanzen, ein Geisha-Haus aus Tokio wird offen sein, die größten Wasserspiele der Welt springen mit Musik und farbig beleuchtet. 75 Restaurants warten auf Gäste. Zwölf Tage würde ein Mustermensch brauchen, will er alles sehen, obwohl es den Besuchern leicht gemacht wird: Nicht nur draußen im Gelände wird der Gast alle Arten von Verkehrsmitteln (einschließlich Einschienenbahn und Helikopter) zur Verfügung haben, auch in den Gebäuden, zum Beispiel bei General Motors und Ford, wird er in bequemen Sesseln auf Förderbändern, auf Rolltreppen und in Sessellifts an den Sehenswürdigkeiten vorbeigleiten, die ihm die Welt von prähistorischen Zeiten bis zu Unterwasserhotels für den Ferienaufenthalt der Zukunft in lebenden Bildern zeigen werden. Wir kommen auf die Einzelheiten später zurück.

Am deutlichsten erkennbar und eindrucksvoll wird wieder die radikale Ausstellungsarchitektur sein, jene Pavillons und Ausstellungshallen, in denen 51 Nationen sich in experimenteller Warum-nicht-Architektur nach Herzenslust austoben können. Als ich vor fast einem Jahr über dieses riesige Gelände fuhr, leuchteten auf dem naturgetreuen Modell, das einen Riesenraum füllte, auf einen Knopfdruck an einem mehr als meterlangen Schaltbrett 200 neue Gebäude auf. Auf dem von Bulldozern zerwalzten Gelände Long Islands waren schon die Konturen des eiförmigen Theaters zu erkennen, das noch Eero Saarinen für die Firma IBM entworfen hat: Es ruht auf 32 Stahlbäumen; in seinem Innern sollen so abstrakte Denkvorgänge wie die eines Elektronenhirns in lebenden Bildern erklärt werden. Auch die luftigen Formen, die das Dach des Helikopter-Landeplatzes tragen, und Philipp Johnsohns Rundbauten mit Pop-Art an den Außenwänden waren schon emporgewachsen. Während in New York allgemein noch Kubus und Stahlkreuz und Raster der Wolkenkratzer triumphieren, tobt sich auf diesem Gelände, das immer noch ein einziger Bauplatz ist, der Widerspruch gegen den Stahl- und Glas-Klassizismus aus. Es kurvt und schwingt, der Beton scheint zu fliegen in Überschwenglichkeit. Denn hier wird nicht das Überzeugende gebaut, hier tobt sich das Imponierende, Phantastische aus.

Die Ausstellung wird am 22. April eröffnet. Sie wird zunächst bis zum 18. Oktober 1964 und dann wieder vom 21. April bis 17. Oktober 1965 gezeigt. Die Reiseunternehmen auch in Deutschland haben mit ihrem Angebot verbilligter Pauschalreisen schon begonnen, und die Amerikaner geben aus allen Teilen des Landes täglich neue Ankündigungen von Attraktionen für Touristen heraus. Das Ziel ist ganz klar: Die Besucher sollen zugleich tiefer ins Land gezogen werden. Amerika will vom europäischen Touristenboom einen Teil ergattern. Visit America 1964165.

  • Der American Express preist eine günstige Fahrt am 14. April mit der „United States“, dem schnellsten Transatlantik-Dampfer, von Bremerhaven nach New York an. Elf Tage Aufenthalt (einschließlich Hotelzimmer mit Bad), sechs Eintrittskarten zur Weltausstellung, Stadtrundfahrt, Rückreise mit dem Schiff „America“. An Bremerhaven 8. Mai. Preis von 1790 Mark an.
  • Flugpauschalreisen zum Beispiel vom 15. bis 30. April, vierzehntägiger Aufenthalt in New York oder auch an anderen Orten. Preis (nach den angekündigten Preisreduktionen auf der Atlantikroute) voraussichtlich 1990 Mark. In der Zeit vom 30. April bis 30. September erhöhen sich die Preise um 621 Mark. Kombinierte Flug-(Economy-Klasse) und Schiffsreise (Touristenklasse), ebenfalls vierzehn Tage Aufenthalt in den USA zu ungefähr dem gleichen Preis.
  • Und noch einige Spezialtips: Trink- und Bedienungsgelder werden von den USA nicht auf die Rechnung gesetzt. Üblich sind 15 bis 20 Prozent. Auch Taxichauffeure erwarten sie.
  • Die Metropolitan Opera veranstaltet außerhalb der Spielzeit, die am 11. April zu Ende geht, vom 27. April bis 10. Mai aus Anlaß der Weltausstellung ein Opern-Festival.
  • 200 Meilen (320 Kilometer) durch Süd-Wyoming und Nord-Colorado: Roosevelt National Forest, Rocky Mountains, National Park, Rawah Wild Area. Übernachtungen in Zelten und Ranches – Zwölf-Tage-Tour 1080 Mark. Man kann auch kürzere Strecken wählen.
  • Nachtvorstellungen im Unterwassertheater, Weeki-Wachee-Springs, Florida, jeden Samstag 20 Uhr.
  • Besichtigungsfahrten zu den „Carlsbad Caverns“ ab El Paso, Texas, 20 Mark.
  • Abstieg in den Gran Canyon nur mit Führer; warme Kleidung, Kletterschuhe, Sonnenbrillen werden empfohlen.
  • Besichtigungsfahrt zu den Villen der Hollywood-Stars (Kalifornien) täglich für 14,80 Mark.
  • Hotel- und Motelführer über 340 Häuser für Besucher der Weltausstellung hat das Housing-Büro der Ausstellungsgesellschaft New-York-World-Fair-Corporation herausgegeben.

Eka von Merveldt