Kriminalromane zu kaufen, um den schlichten Alltag mit etwas Grusel und Spannung zu beleben, das mag woanders notwendig sein, in Köln jedoch kann man sich diese Ausgabe ohne Not sparen: Die Krimis, die den Kölner Bürgern täglich auf den Lokalseiten ihrer Zeitungen geboten werden, sind nicht selten so spannend, daß sie sogar einen Meister wie Edgar Wallace in den Schatten stellen.

Bei Tageslicht gelesen sind die Situationsberichte aus der Kölner Unterwelt eine Quelle des Amüsements und des erträglichen Gruseis, vorausgesetzt, daß man selber ungeschoren bleibt. Aber das ist der Nachteil der Kölner Kriminalballaden: Sie sind so echt, daß einem der Spaß vergeht. Man braucht nicht einmal mehr eine Zeitung, um über die Aktivität der Kölner Ganoven unterrichtet zu bleiben.

Ein Schluchzen saß meiner Freundin Gerda in der Kehle, als sie am Heiligen Abend anrief: Ihr war die Gänsebrust im Werte von 15 Mark vom Balkon gestohlen worden. Seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag glaubt auch Angelika an die Realität der Kölner Diebe: Der Wagen ihres Vaters wurde abends in einer belebten Straße Kölns aufgebrochen. Weil das Lenkradschloß nicht entzwei gegangen war, nahmen die Ganoven mit, was sonst noch im Wagen lag. Das waren Angelikas Weihnachtsgeschenke, vor allen Dingen Bücher. Seitdem meint Angelika, die Kölner Autoknacker müßten völlig verzweifelt sein, da sie nun schon mit Büchern über die "Kunst der Inkas", über "Kindermalerei" und einem Sammelband mit amerikanischen Kurzgeschichten vorlieb nehmen. Der gleichen Ansicht ist ein Bekannter, dem vor kurzem ein abgeschabter Koffer mit alten "Spiegel"-Jahrgängen und eine Schrift über die "Psychologische Kriegsführung der Bundeswehr" aus dem Wagen gestohlen wurden.

Zur gleichen Zeit wurden noch zwei andere Bekannte beraubt: Bei dem einen brachen die Ganoven in die Wohnung ein und nahmen Geld und Schmuck mit, bei dem anderen stahlen sie nur den Minimax von der Garage. Die Wertvorstellungen in der Kölner Unterwelt scheinen zu schwanken. Gefährlicher war der Zusammenstoß eines befreundeten Geschäftsmannes mit einem Autoknacker: Als er von einem Besuch zurückkam und in seinen Wagen steigen wollte, bemerkte er einen Fremden an seinem Steuer. Bevor er seinen Protest artikuliert hatte, schlug ihn der andere mit einem Totschläger nieder. Der Geschäftsmann blieb bewußtlos auf der Straße liegen. Seinen Wagen fand er später an der nächsten Ecke wieder.

Meiner eigenen Familie reicht die Erfahrung mit der Kölner Verbrecherwelt ebenfalls: Der Sohn unseres Ofensetzers stand unter Mordanklage vor Gericht. Seitdem klagen die Familienmitglieder nicht mehr, sobald der Ofen raucht. Sie wollen den Kamin nun selber säubern.

Alle meine betroffenen Freunde sind der Meinung, daß die Kölner Ganoven in den letzten Jahren dreister ans Werk gingen als je zuvor. Die Statistik gibt ihnen recht. Schon seit einiger Zeit bereitet die zunehmende Kriminalität in Köln den Stadtvätern und der Polizei ernste Sorgen. Und der "Kölner Stadt-Anzeiger" klagte: "Es ist schon oft genug gesagt worden, daß diese Stadt den zweifelhaften Ruhm der höchsten Kriminalität im Bundesgebiet vorzuweisen hat."

Im Jahr 1961 wurden für 100 000 Kölner Einwohner 5250 Kriminalfälle errechnet. Im gleichen Jahr kamen im Lande Nordrhein-Westfalen im Durchschnitt 3501 Fälle auf 100 000 Einwohner, der Bundesdurchschnitt betrug 3775 Fälle. Der Chef der Kölner Kriminalpolizei, Kriminaloberrat Karl Kiene, errechnete, daß die Bevölkerungszahl der Stadt Köln von 1956 bis 1961 um 13 Prozent anstieg, die Kölner Kriminalität jedoch in der gleichen Zeit um 61 Prozent. Die Kriminalität nimmt zwar im gesamten Bundesgebiet schneller als die Bevölkerung zu, doch: "Der Unterschied zugunsten der Kriminalität ist aber in Köln besonders groß."