Im Juli vorigen Jahres kam aus Paris eine frappierende Nachricht: Die Aufführung des deutschen Balletts „Der grüne Tisch“, eines „Totentanzes in acht Bildern“, sei eines der erregendsten Ereignisse im „Theater der Nationen“ gewesen. Was war da geschehen? Wie konnte ein drei Jahrzehnte altes Werk sich derartig behaupten in einer Zeit der veränderten künstlerischen Ansprüche, Stile und Richtungen?

1932 war Kurt Jooss mit einem Schlage weltberühmt geworden. Rolf de Mare, der Mäzen der „Archives internationales de la danse“, hatte einen Wettbewerb für die beste Choreographie ausgeschrieben. Kurt Jooss erhielt für den „Grünen Tisch“ (Buch und Choreographie) den Preis, in Höhe von 25 000 Francs.

Es wird berichtet, daß A.-M. Julien, der Direktor des „Theaters der Nationen“, nach der vorjährigen Aufführung den deutschen Choreographen beglückwünscht und unter anderem gesagt habe, das Thema sei leider ewig aktuell. Vielleicht hat er mit seinem Lobspruch den Inhalt listig vom Stil trennen, diesen bejahen, die Qualitätsbestimmung des Stils aber aussparen wollen? Das ist möglich, ja es gibt nicht einmal ernstlich einen Zweifel, daß die Gattung Handlungsballett, zu der „Der grüne Tisch“ gehört, zu keiner künstlerischen Avantgarde gehört. Es hat, verglichen etwa mit den hinreißend schönen abstrakten Tanzschöpfungen eines Georges Balanchine, einen konventionellen Charakter, es ist quasi das, was die Ballade auf dem Gebiete der Lyrik ist...

Aber es ist eine ergiebige Kunstform, wenn sie nur mit sprühender Kraft erfüllt wird. Es erweist sich in den letzten Jahren immer wieder, daß nicht nur ein Balanchine (der auch Handlungsballette macht) oder ein Maurice Béjart mit seinen Tanzschöpfungen vibrierend moderner Hintergründigkeit vor den Ansprüchen unserer Zeit besteht, sondern so traditionsgebundene Corps de ballet wie das von Moskau oder das des Marquis de Cuevas. Da scheint nun wahrlich die Tradition schon versteinert zu sein, aber wer das rechte Instrument hat und es zu handhaben weiß, kann dem verblüfften Zeitgenossen beweisen, daß Steine auch Feuersteine sein können und daß man aus ihnen Funken schlagen kann.

„Der grüne Tisch“ (Musik F. A. Cohen, Ausstattung Hein Heckroth) könnte ad usum delphini geschaffen sein, um zu demonstrieren, daß Tanz durchaus nicht identisch ist mit geistlosnaiven Äußerungen der Lebensfreude und dekorativer Schönheit. Hier wird nicht gehüpft, sondern auf menschliches Schicksal hingewieseh: auf das fatale Ausgeliefertsein an die „schwarzen Herren“, die glatzköpfigen und grotesken Potentaten der Konferenztische.

Der Tanz ist zwar zunächst ersonnen als simple Handlung, er ist angelegt in gegenständlichen Konturen, aber er quillt gleichsam, kraft seiner kunstvollen räumlichen Gliederungen und ausdrucksmäßigen Intensität, dauernd in supranaturalistisches und suprarationales Gebiet über. Das macht ihn überlegen gegenüber sehr vielen Theaterinszenierungen, und Terpsichore könnte (wieder einmal) zur Lehrmeisterin Thalias und Melpomenes werden.

Daß Kurt Jooss, der Württemberger, der zu Anfang der zwanziger Jahre Schüler des genialen Lehrmeisters und Revolutionärs Rudolf von Laban war, auch Opern (zum Beispiel „Figaros Hochzeit“ und „Zauberflöte“) inszeniert hat, ist die natürliche Konsequenz seines Stils, nicht das Resultat seines Expansionsdrangs. Er ist nicht bei Laban stehengeblieben, der (ähnlich wie Isadora Duncan, Mary Wigman, Gret Palucca) in unserem Jahrhundert zu den gigantischen Trägern der Revolution gegen das Ballett gehörte. Er hat eine Verbindung von moderner und klassischer Technik angestrebt.