Von Barbara Bondver

Dieses Buch ist für den Rezensenten wahrlich kein Vergnügen, noch weniger für den in schöner Freiheit Lesenden, es ist qualvoll, schwierig, spröde, ermüdend, kurz eine Plage, der sich höchstens hundert Leute freiwillig unterziehen werden – und es ist dennoch ein außerordentliches Buch: erstes Lebenszeichen eines nicht geringen Talents –

Christian Grote: „Für Kinder die Hälfte“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 254 S., 15,– DM.

Bei allen kompositorischen Längen, Schwächen (gibt es heute eigentlich keine Lektoren mehr, die den Schriftstellern ratend und klug beistehen?) enthält es Passagen, deren präzise, verhaltene Schönheit in der deutschen Prosa der letzten Jahre wenig Vergleiche zuläßt. Im übrigen ist es weder ein Roman noch ein Bericht, wie das Vorsatzblatt beteuert; es gehört in jene vagen Zwischenzonen, die die Autoren über alles, die Leser meist gar nicht lieben; der Begriff „Aufzeichnung“ wäre noch am angemessensten gewesen, denn hier ist tatsächlich etwas gelungen, was fast nie gelingt: die Aufzeichnung einer Kindheit aus der Perspektive des Kindes. Literarische oder literarisierte Kindheitserinnerungen gibt es in Fülle; in ihnen spricht immer der Erwachsene, der zurückblickt: in Zorn oder in Melancholie, Hier spricht das Kind. Psychologen sollten das Buch lesen – in der ahnungsvollen, schrecklichen, herrlichen Erkenntnis: wie weit die Kunst ihnen über ist, gottlob.

Christian Grote, ein bislang gänzlich Unbekannter, jung an Jahren, wenn auch schon jenseits der Dreißig, hat ohne Spekulation auf das Kennwort Literatur die Landschaft, die Geister und Gesetze seiner eigenen Kindheit aufgezeichnet; trotzdem ist hier von keinem „Ich“ die Rede, sondern von einem „Er“. Grote hat die dritte Person gewählt. Warum? Einmal zum Zeichen, daß es ihm nicht um die eigene Erinnerung geht, ja, daß er Wert legt auf die Distanz zur Autobiographie. Zum anderen – und das ist viel gewichtiger –, um darzustellen, daß dieses Wesen „Er“ ein noch gar nicht aufgetauchtes „Ich“ ist, ein nicht zur Identität gelangtes, das auch bis zum Ende nicht zur Identität gelangen wird. Alle Voraussetzungen zur Ichwerdung fehlen diesem Kind: die Fähigkeit, verläßliche Weltbezüge herzustellen, Freiheit und Liebe.

Dabei ist dieses „Er“ – zumindest in der Anlage – ein sehr wohl definiertes Kind: ein Bub, drei oder vier Jahre alt am Anfang des Buches, dreizehn, vierzehn am Ende, der eine Mutter, einen Vater, einen Bruder hat, der zart, ungeschickt, kränklich ist und Erlebnisse hat: Reisen, Kinderheime, Krankenhäuser, Umzüge, Landschaften, Spiele, den Krieg mit Bombennacht, Uniformen, Schlagworten, Versuchungen.

An irgendeiner Stelle des Buches steht die Formulierung „Die Angst hielt ihn“, und sie ist bezeichnend für die ganze Art dieser Weltbegegnung. Das Kind ist angstbesessen, alles ist feindlich und tut weh, die geringsten Dinge werfen tiefe Schatten, die Eroberung der Welt findet nicht statt, die Weltgreuel werden leidend wahrgenommen. Die Angst zieht folgerichtig Unglück und Stürze nach; dauernd passiert diesem Kind irgend etwas: es fällt, es wird geschlagen, stößt sich, Blut fließt, Schmerzen kommen, Krankheiten, Operationen, eine Beklemmungssituation jagt die andere; es ist eingekeilt zwischen Leibern von Erwachsenen, eingesperrt in einer Telephonzelle, gefangen in einem ausrangierten Panzer, den es spielend durchkriechen will, ein Augenarzt gibt ihm Augentropfen, die vorübergehend halbblind machen, das vielleicht zehnjährige Kind irrt durch die nächtlichen Straßen. Neben der Angst stehen die Versagenssituationen, die hilflose Kenntnisnahme des Todes, fremden Unglücks, rudimentäres, fürchterliches Mitleid, das nur Mitleid mit sich selbst ist.